(Karriere-)Erfolg durch die zweite Ebene des „wie“

(Karriere-)Erfolg durch die zweite Ebene des „wie“

Wie Systeme Unternehmenserfolg und Karriere beeinflussen und wie man damit umgeht.

Darum geht’s:

  • Drei wesentliche Systeme sollten in einem Unternehmen immer wieder reflektiert werden.
  • Eine einfache Übung hilf das Zusammenspiel der Systeme bewusst zu machen.
  • Die Betrachtungstiefe hängt vom System und der Größe der betrachteten Organisationseinheit ab. 
  • Das gewonnene Verständnis kann ein wichtiger Hebel sein, um auf dem persönlichen Karriereweg die Weichen richtigzustellen.

Viele Manager und Führungskräfte stehen zurzeit vor den größten Herausforderungen ihrer Karriere. Unter dem Druck eines „new normal“, den Restriktionen der Märkte, den Anforderungen der Kunden und Problemen der Kollegen und Geschäftspartner wird kaum eine Chance erkennbar selbst aktiv zu werden. Die Abhängigkeiten sind zu dominant, um noch eine Richtung für eigene Entwicklungsmöglichkeiten zu erkennen. 

Auch wenn sich Wissenschaft und Empirie einig sind, dass Unternehmen, gerade jetzt, von der Entwicklung und Einführung zeitgemäßer Zusammenarbeitsstrategien enorm profitieren, stellen sich einem Umdenken tradierte, tief in die Unternehmen eingebettete und fest verankerte Denk- und Handlungsmuster in den Weg. Selbst wenn immer wieder an Symptomen gearbeitet wird und die Notwendigkeit die Geschäftsmodelle anzupassen bei manchen durchdringt, die grundlegenden Systeme bleiben meist unverändert und fällt es schwer, dies im Gesamtsystem der Unternehmen erfolgreich zu implementieren.

Um nicht vollkommen tatenlos auf die Entwicklungen zu reagieren, wird versucht am operativen Konstrukt, an Strukturen und Prozessen, an Gewohnheiten und Ritualen, an Werten und Normen zu schrauben und zu drehen. Dabei wird mit den Bestandteilen eines Unternehmens-Gesamtsystems gespielt und jongliert, in der Hoffnung, dass etwas hilfreiches passiert, ohne, dass etwas wichtiges zu Bruch geht. Das große Problem ist, dass sich viele nicht einmal klar sind, welche Hebel in ihrem systemisch-einzigartigen Unternehmen Wirkung zeigen könn(t)en und welche Bestandteile dieses Gesamtsystems welche Art von Einfluss auf den gemeinsamen, wie auch auf den individuellen Erfolg haben. Dabei ist, richtig angewandt, Reichweite und Wirkung dieser Systeme enorm. Die dynamischen Fähigkeiten von Unternehmen hängen immer mehr mit den individuellen Fähigkeiten der Mitarbeiter:innen zusammen. Damit sind unternehmerischer Erfolg und persönliche Entwicklungen und Karrieren immer stärker gekoppelt. Und diese Punkte hängen alle davon ab, wie gut das Zusammenspiel der Systeme im Unternehmen gehandhabt wird und wie sehr sich die Mitarbeiter:innen aktiv einbringen können. Es gilt mehr und mehr die Faustformel: Je komplexer das Business, desto wichtiger sind die Fähigkeiten jedes einzelnen.

Um diese Fähigkeiten voll einfließen zu lassen ist es an der Zeit, die Kompetenz zu entwickeln, die Vielfalt, Vielschichtigkeit und Zusammenhänge der drei wichtigsten Systeme zu erkennen und zu nutzen. Je mehr Mitarbeiter sich der Zusammenhänge bewusst sind und sie interpretieren können, desto entspannter kann das Unternehmen der Zukunft entgegenblicken.

Die drei Modelle/Systeme

Was und wie in einem Unternehmen gearbeitet wird, kann im Wesentlichen durch drei Hauptmodelle und -systeme beschreiben werden: Das Geschäftsmodell (und -system), das operative System und das Management- und Führungssystem. (Zur meiner Nutzung der Begriff „Modell“ und „System“ in diesem Kontext: Ein Modell beschreibt exemplarisch die grundsätzlichen und theoretischen Zusammenhänge, während in zugehörigen System dieses Modell mit zwischenmenschlichen und umweltbedingten Erfolgen, Störungen, Herausforderungen, Möglichkeiten und Widersprüchen, kurz „dem Leben“ gefüllt wird.)
Die Systeme beeinflussen sich dabei, wie in jedem Ökosystem, gegenseitig, weshalb es unbedingt notwendig ist die Interdependenzen immer wieder zu betrachten.

Das Geschäftsmodell beschreibt, vereinfacht gesagt, ‚was‘ das Unternehmen erfolgreich machen soll und was im Zentrum der Geschäftstätigkeit steht.
Das operative Modell kümmert sich darum, ‚wie‘ das Geschäftsmodell umgesetzt werden kann, wer wann was wie, mit wem tut und welche Strukturen und Prozesse die Implementierung unterstützen.
Das Management- und Führungsmodell wiederum beschreibt, gewissermaßen in einer zweiten, tiefergehenden Ebene das ‚wie‘, indem es ein gemeinsames Verständnis über Ziele, Normen, Grenzen und die Regeln der Zusammenarbeit beschreibt. Es spannt das Spielfeld auf, auf dem sich das operative System sich damit befasst, das Geschäftssystem mit Leben zu füllen.
Nach meine Erfahrung gibt es hier die größten Defizite in Unternehmen, denn obwohl das Management-(&Führungs-)system so wichtig für das Zusammenwirken und das Fokussieren der Energien und Nutzen der Möglichkeiten ist, ist dieses handlungsleitende „wie“ nur sehr wenigen bewusst. 

Eine wertvolle Übung

Das eigene, individuelle Managementsystem und ebenso die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Systemen zu verstehen, ist zugleich immer wichtiger, um in einer sich immer schneller drehenden Welt, bestmögliche Entscheidungen treffen zu können. Der Einfluss von Werten, Normen und dem grundlegenden Verständnis von Kunden und Märkten gewinnt immer mehr an Relevanz. Eine extrem spannende Übung ist es, allein oder (besser) im Team, sich das Zusammenspiel der Modelle aufzuzeigen und zu analysierten. (Dabei sollt man zunächst die mit dem Modell, also der Theorie starten, und erst später die zusätzlichen (systemischen) Einflussfaktoren zu ergänzen.

Diese Übung ist auf drei Ebenen wirksam:

  • Zum einen hilft die Gesamtsicht ein tiefergehendes Verständnis für die Abhängigkeiten und Wirkungsweise im Unternehmen zu entwickeln. Sie erlaubt das, für zielgerichtete Führung so wichtige, „Big Picture“ besser zu verstehen und ist die Grundlage, um für das Unternehmen die richtigen Weichen zu stellen.
  • Zum zweiten unterstützt das Verständnis der Systeme und des „Big Picture“ für den persönlichen Entwicklungsweg die richtigen nächsten Schritte zu gehen und die Rolle zu identifizieren, die die größte Schnittmenge zwischen persönlichen Fähigkeiten und den Bedürfnissen des Unternehmens bietet.
  • Drittens schafft die Übung mehr Bewusstsein und Klarheit im Umgang mit dem internen und externen Umfeld. Sie kann wesentlich dazu beitragen zum Beispiel  Ressourcen besser zu allokieren, Aufwände zu reduzieren oder Resilienz aufzubauen.

Allerdings werden die Ressourcen, vor allem die Zeit, für eine solche Übung selten und ungern investiert. Glücklicherweise kann man das Ganze teilweise skaliert angehen.

Bei der Betrachtung der Geschäftsmodelle, deren Grundzüge allerdings jeder betrachtet und verstanden haben sollte, der sich im Unternehmen engagiert, kann man in den Details auf die Bereiche fokussieren, die direkt mit dem eigenen Wertbeitrag zu tun haben. Diesen Teil sollte man andererseits sehr detailliert und intensiv betrachten, um das Potenzial optimal auszunutzen. 

Ebenso sind beim operativen Modell (und -system) für die Teams, Abteilungen und Bereiche oftmals nur Teile wirklich relevant, um die gewünschte Effizienz zu erreichen. Der Fokus sollte dabei darauf liegen, welche Chancen das operative Modell bietet und welche Hemmnisse  in Regelabläufe 

Auch beim Managementmodell ist es hilfreich, sich, abhängig von der Gruppen- bzw. Unternehmensgröße in einzelnen Schritten mit den Themen zu befassen, allerdings mit einem anderen Vorgehen und Fokus als bei den anderen Systemen.
Zielführend ist es, eine von Lukas Michel in seinem Buch „People Centric Management“ beschriebe Struktur auch als skalierbaren Ansatz zu verstehen, den ich hier beschreibe und natürlich auch gerne mit Ihnen umsetze:

Man startet in kleinen Strukturen – bis ca. 20 Personen, bei kleinen Unternehmen reicht dieser Schritt meist auch aus – damit, ein gemeinsames und sehr klares Verständnis dafür zu entwickeln, was erreicht werden soll und kann. Man kann dies, in klassischen Strukturen, als „Top-down“ Kommunikation umsetzen, deutlich wirksamer und erfolgversprechender ist es allerdings, das mit einem möglichst hohen Maß an gelebter Selbstverantwortung, gemeinsam zu tun.
Dabei geht es um Fragen wie: Was tun wir im und für das Unternehmen? Was bedeutet das Ziel für uns, unsere Kollegen (in größeren Unternehmen) und für unsere Kunden? Wie gehen wir vor? Was ist uns dabei wichtig, worauf achten wir? Wie gehen wir mit unseren Bedürfnissen und denen unserer Kunden um?

Dazu gehört auch Klarheit zu schaffen, woran Erfolg und Misserfolg jeweils erkannt wird, welche Indikatoren wirklich wichtig und direkt beeinflussbar sind, wie die Informationen ver- und geteilt werden und wie sie zusammenhängen.
Spannender Fakt: Es gibt multinationale Unternehmen, wie den Hausgerätekonzern Haier Group, die explizit auf diese Gruppengröße bauen und fast ausschließlich in solch kleinen Gruppen organisiert sind. Die Teams des über 70.000 Mitarbeiter Unternehmens sind durchschnittlich 8 Personen stark und handeln fast vollständig autonom. So schafft es Haier mit nur 3 Führungsebenen auszukommen. Sie sparen sich so einige der komplexeren Organisationsebenen, und arbeiten stattdessen mit umso mehr Klarheit, Freiheiten und gemeinsam gültigen Regeln. 

In der nächsten Gliederungsstufe, etwa in Abteilungen und kleinen mittelständischen Unternehmen – also bis ca. 200 Personen – sollte zusätzlich sichergestellt werden, dass alle mit der gleichen Zielrichtung agieren, salopp gesprochen am gleichen Seil UND in die gleiche Richtung ziehen. Hierbei geht es um die Antworten auf Fragen, wie: Kennen alle das explizite (und implizite !) Ziel des Unternehmens, sowie die mittelfristige Strategie, um dieses Ziel umzusetzen? Wurden (möglichst) alle Stimmen im Unternehmen zu der Strategie gehört und hatten alle Gelegenheit ihre Impulse und Ideen einzubringen, um die Chancen zu maximieren und die Risiken in Grenzen zu halten? Werden die Erfahrungen, die auf dem Strategieweg gemacht werden so geteilt, dass anderen möglich ist, daraus zu lernen? 
Ein zweiter Themenblock der bei dieser Anzahl an Beteiligten relevant wird ist die Frage, wie die PS auf die Straße gebracht werden können? Wie können sich möglichst alle Mitarbeiter in die Umsetzung der Strategie optimal einbringen? Wie funktioniert das Feedback an die Mitarbeiter, in die Organisation und an das Management bezüglich der Fortschritte und Probleme? Was benötigen die Mitarbeiter:innen, um ihren Beitrag optimal einbringen zu können? Wird dabei das (wirklich) richtige getan, beziehungsweise, wie viel Energie verpufft unwiederbringlich als Blindleistung?
Ebenso wichtig ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob die richtigen (= notwendigen und hilfreichen) Ressourcen zur richtigen Zeit am notwendigen Ort zur Verfügung stehen? Eine Frage die man genauso auf die notwendigen und hilfreichen Fähigkeiten und Fertigkeiten ausbauen sollte. Wer kann sich mit wie viel Kompetenz einbringen und wie kann diese Befähigung optimal eingebracht werden, etwa in Bezug auf die Aufgabe, Rolle oder den Ort?

Organisationen dieser Größenordnung funktionieren meist noch als „Tribes“, als soziale Großgruppen ohne zu theoretisch entwickelte und explizit kommunizierte Normen, Werte und Grundsätze. Kultur ist hier eher implizit. Nicht umsonst nutzen dies auch einige größere Unternehmen, bekanntesten Beispiel ist sicherlich W.L. Gore dessen Firmen und Fabriken durchschnittlich ca. 180 Mitarbeiter beschäftigen und dafür zusätzliche Aufwände in den Austausch zwischen den Mitarbeitern und den Unternehmen investieren. 

Doch nicht jedes Unternehmen kann und will seine Struktur so anpassen. Für Unternehmen zwischen ca. 200 und 2000 Mitarbeiter:inne:n sollte verstärkt darauf geachtet werden, den Fokus zu halten. Von besonderer Bedeutung ist dabei zielgerichtet Normen und Werte zu etablieren und auf deren Einhaltung konsequent zu beharren. Wichtig ist, miteinander zu diesen Themen in den Dialog zu gehen, über alle Struktur- und Hierarchiegrenzen hinweg, um klarzumachen, dass sich alle den gleichen kulturellen und ethisch-moralischen Grundsätzen unterwerfen. Hier liegt ein wichtiger Schlüssel für eine hohe Motivation. Thema dieser Dialoge sollte auch sein, wer welche (detaillierteren) Zielsetzungen verfolgen will und/oder soll.

Ein letzter Themenkomplex wird in Strukturen besonders relevant, die aus mehr als ca. 1.000 Mitarbeiter:inne:n bestehen: Das Thema Grenzen und Risiken. Es sind Fragen wie: Wie gut wird das geschäftliche Spielfeld des Unternehmens genutzt? Wie klar sind die Grenzen? Ist jeder am optimalen Platz? Welche Risiken sind bewusst und unbewusst vorhanden? Welche können toleriert werden, worauf sollte sich das Unternehmen einstellen? Dazu gehört auch, welche Trends sind erkennbar, muss ggf. langfristig die Strategie und Struktur darauf vorbereitet und angepasst werden? 

Antworten mit Nebenwirkungen 

Aus all diesen Fragestellungen, angewandt auf und in der jeweiligen Strukturgröße, ergeben sich wichtige Elemente des Managementsystems. Sie beantworten zugleich Kernfragen zum operativen und zum Geschäftsmodell. Die Themen und Fragestellungen sind zentral um die Menschen in der Organisation bestmöglich einzubinden und die Erfolgschancen zu maximieren. Als Nebeneffekt der Gespräche zu diesen Themen entsteht mehr Selbstverantwortung bei den Mitarbeiter:inne:n, was zu mehr Verantwortungsübernahme und dann zu neuen Entscheidungswegen und meist auch höherer Entscheidungsqualität und -geschwindigkeit führt. 

Die Vielzahl der Antwortoptionen macht dabei allerdings auch klar. Am Ende wird kein Managementsystem und kein zugrundeliegendes Modell so sein, wie ein anderes. Jede Organisation wird ein System finden, dass 100% zu ihr passt, dass aber eben auch ganz anders ist, als das einer anderen Organisation. Der Vorteil: Mitarbeiter:innen, die sich darin wohlfühlen werden im System verbleiben wollen. Die Attraktivität als Arbeitgeber steigt und dies mit Außenwirkung, denn zufriedene Mitarbeiter schaffen die Grundlage für zufriedenere Kunden. 

In diesem Sinn kann und sollte sich jedes Unternehmen leisten diese Themen an- und durchzugehen. 

Doch, anders als ihn der gefühlte Stillstand beim Thema Management in den letzten 50 Jahren suggeriert, sollten wir uns darauf einstellen, auch mit diesem System dynamischer und flexibler umzugehen und es kontinuierlich zu hinterfragen und anzupassen.   

Fazit

Als Führungs- und Karriereperspektive ist wichtig, die Systeme und das Big Picture zu verstehen und sich in diesen Prozess gestaltend und impulsgebend einzubringen. Dies gilt im Grunde für alle Mitarbeiter:inne:n, denn auch Führung verändert sich, wird vielfältiger und partizipativer. Insbesondere Führungskraft müssen es aushalten (lernen) diese Beiträge, insbesondere auch die kontroversen, sofern sie sinnvoll vorgetragene und ernstgemeinte Kritik beinhalten, zuzulassen und daraus das beste für das Unternehmen zu extrahieren.

Die Führungsverantwortung und die Auswirkungen in diesem Vorgehen zu erkennen und zu nutzen, kann ein wichtiger Hebel sein, um auch auf dem persönlichen Karriereweg die Weichen richtigzustellen. Für das Unternehmen ist es ohnehin Gold wert!

Gefährliche Selbstverständlichkeiten! – Wie(so) „Selbstverständlichkeiten“ Spitzenleistung verhindern

Gefährliche Selbstverständlichkeiten! – Wie(so) „Selbstverständlichkeiten“ Spitzenleistung verhindern

… und was es braucht, damit Spitzenleistung zur neuen Selbstverständlichkeit wird.

Wie sehr wir alten Selbstverständlichkeiten überdenken und ihnen teilweise den Rücken zudrehen müssen und wie wichtig es ist neue Selbstverständlichkeiten zu entwickeln, hat das letzte Jahr uns in einer Art gezeigt, wie wenige zuvor. Vieles ändert sich schneller als uns lieb ist. Selten gelingt es, in der gleichen Taktrate das Vertrauen und Verständnis dafür aufzubringen, dass zahlreiche Veränderungen derzeit richtig, einige auch langfristig gut und weitere zudem noch längst überfällig waren. Egal, ob dies unsere Gesundheit, das Klima oder die Art betrifft, wie wir zusammen arbeiten.

Gerade im Arbeitsleben gibt es so manches, was wir als natürlich, „gottgegeben“ und eben als ganz selbstverständlich ansehen und das jetzt „plötzlich“ ganz anders ist. Für viele (Führungskräfte) war es kaum vorstellbar, dass neue, remote Zusammenarbeitsformen möglich sind, oft stellt sich nun heraus, dass sie sogar bessere Ergebnisse liefern, dass Mitarbeiter:innen im Home Office mehr Leistung bringen können, dass Dienst“reisen“ virtuell vereinfacht, beschleunigt und kostengünstiger sind. 

Es ist damit an der Zeit, sich die Frage zu stellen, was Unternehmen tun können, welche Eigenschaften und Fähigkeiten sie brauchen, damit diese neuen Selbstverständlichkeiten ihren Weg in die Organisationen finden und wie zugleich veraltete, teilweise hinderliche, manchmal gefährliche Selbstverständlichkeiten entlernt werden können. Das ist umso wichtiger, je mehr sie Spitzenleitung im Weg stehen. Und Spitzenleistung ist das, was viele Unternehmen brauchen werden, um die Zeit zu überstehen und anschließend durchstarten zu können. 

Eine erste Antwort ist banal: Der Weg beginnt damit Selbstverständliches eben nicht mehr als selbst & verständlich zu begreifen. Denn vieles ist eben genau das nicht mehr, „ohne weiteres verständlich“ und „sich aus dem Zusammenhang ergebend“, zumindest nicht, wenn man beginnt die, oftmals neuen, Zusammenhänge bewusst zu betrachten. Eine zunehmend dynamischere und komplexere Welt lässt so manches, was früher „normal“ war heute fast schon exotisch anmuten. 

Gerade in ‚harten Zeiten’ setzen viele unbewusst auf Tradition, um nicht noch mehr Unsicherheit zu erzeugen: Sie nutzen ganz selbstverständlich weiter alte Routinen und Regeln, von denen allerdings immer mehr, die bei bewusster Betrachtung, längst aus der Zeit gefallen sind. Wie einst Catweazle erfreuen sie sich an „der Magie“ des Lichtschalters und der leuchtenden Glühbirne, ohne zu erkennen, dass die neuen LED-Birnen längst über WLAN geschaltet und gedimmt werden. Ähnlich haben sich viele Zusammenhänge von Märkten, Kundenströmen, Partnerschaften usw. Teils fundamental verändert.
Das Festhalten an tradiertem Denken und an alten Gewohnheiten und Selbstverständnissen reicht entsprechend heute nicht mehr aus, um Erfolg und das Überleben abzusichern. Im Gegenteil, es birgt immer mehr Gefahren. Neuer Denkraum, neue Blickwinkel und neue Arbeitskulturen sind gefordert und, um Quick-wins zu ermöglichen, auch das schnelle und radikale Einreißen alter Mauern und Blockaden. 

Das trifft diejenigen besonders schwer, die vor allem in der Verantwortung stehen, diese Schritte einzuleiten, die zurzeit ohnehin gebeutelten Top-Führungskräfte. Sie sind gefordert, besser zu sein, als einst Baron Münchhausen und sich am Schopf aus dem Morast zu ziehen, um es dem Unternehmen, dass sie verantworten zu ermöglichen, auf Höhe der Zeit zu agieren. Doch anders als Baron Münchhausen können sie heute auf Unterstützung aus der Organisation hoffen, was die Erfolgswahrscheinlichkeit enorm erhöht.

Hilfreich ist, dabei einen weiterhin gültiger Indikator für Unternehmenserfolg im Blick zu halten: Spitzenleistung. Anders als noch vor wenigen Jahren mutiert sie immer weiter von einem Ergebnis individueller Top-Performance zu einem Resultat gemeinsamer Arbeitsleistung. Damit können die Bereiche, in denen Spitzenleistung gelingt, die, je nach den Erfordernissen des Geschäftsmodells effizient und/oder effektiv handeln, die Innovationen entwickeln oder „Null-Fehler“ umsetzen können als Gradmesser dienen, um zu erkennen, welche Selbstverständlichkeiten diese unterstützen oder eher behindern.


Bei dieser Betrachtung ist es wichtig Fake-Performance von echter Performance zu unterscheiden, um nicht falsche, kulturelle Normen zu etablieren und im Team engagierte Mitarbeiter:innen aktiv zu demotivieren.
Fake-Performance hängt eng mit organisationaler Blindleistung zusammen. In der Elektrotechnik kennt man den Begriff der Blindleistung. Sie bezeichnet elektrische Energie, die zwischen Stromnetz und Verbrauchen hin und herpendelt, ohne Wirkung zu erzeugen. In Unternehmen findet sich solche Blindleistung unter anderem in überzogenen, wertlosen bürokratischen Prozessen, in nicht notwendigen Meetings, Reports die zwar bunt und aussagekräftig sind aber niemanden wirklich interessieren, in detaillierten Planungen ohne Wirkung und/oder in erfolglosen aber weitergeführten Projekten wieder. Es ist Arbeit und Leitung, die zwar oft wichtig klingt und aussieht, zugleich aber keine echte Wertschöpfung beinhaltet, negativ wirkt, Unmengen kostet und Frustration erhöht.
Fake-Performance entsteht aus dem fatalen Kulturmerkmal heraus, dass nur wer viel beschäftigt wirkt, auch viel leistet. Gerade in Krisenzeiten ist diese Art der Betriebsamkeit ein beliebtes Ersatzziel, um Engagement vorzugaukeln. Besonders gefährlich ist es, wenn solche Fake-Leistungen und andere Störungen, Ablenkungen und Hemmnisse zur Selbstverständlichkeit geworden sind und sie den Menschen die Arbeit erschweren, die direkt an und in konkreter Wertschöpfung beteiligt sind.
Nichts davon darf im Wortsinn selbst-verständlich sein und bleiben, wenn das Unternehmen nicht drastisch an Leistungsfähigkeit einbüßen will. 

Entsprechend erfordert die Betrachtung von Spitzenleistung, für sich und das Unternehmen zu reflektieren, was dieser Begriff tatsächlich in der Organisation bedeutet. 

Es sollte allen klar sein, wie Spitzenleitung entsteht, was sie bewirkt, woran man sie erkennt und welche Voraussetzungen sie braucht. Dabei ist wichtig zu verinnerlichen: Spitzenleistung zu bringen, bedeutet nicht ständig in extremem Maß zur Wertschöpfung beizutragen. Im Gegenteil: Wer langfristig auf hohem Niveau Leitung bringen möchte, braucht auch bewusste Zeiten der Erholung und ein klares Bewusstsein für die Erfüllung der eigenen Grundbedürfnisse. Nur so kann ein hohes Maß an produktiver Energie sichergestellt werden. Spitzenleistung selbst ist eben auch keine Selbstverständlichkeit.

Einen zweiten Punkt möchte ich bewusst machen, bevor ich weiter in die Tiefe gehe: In allen Unternehmen gab und gibt es Menschen, die für ihre Top-Leitungsfähigkeit und -bereitschaft bekannt sind und damit auch Karriere mach(t)en. Sich bei der Personalentwicklung auf diese besonders zu konzentrieren war so lange richtig, wie aus den Resultaten der Vergangenheit Spitzenleistungen auch für die Zukunft vorhersagbar waren. Jedoch ist dies heute, in zunehmend komplexen Umfeldern und Systemen immer weniger der Fall!
Sich als Unternehmen auf ein paar Top-Performer zu verlassen, birgt zunehmend Gefahren. Aus Unternehmenssicht zielführender ist es sich stattdessen auf eine breit aufgestellte Basis verlassen zu können. Etwas, das wohl nie zuvor so einfach und erfolgversprechend war, wie heute. 

Mehr denn je ist das gemeinschaftliche Engagement der Schlüssel zum Erfolg. Aus Unternehmenssicht ist es heute weiser, die gemeinsame ökonomische (und soziale und ökologische) Stabilität und Perspektive als Ziel und Indikator von Spitzenleitung zu verstehen, als sich auf das Glück einzelner zu verlassen.

Was als muss ein Unternehmen tun, damit eine solche gemeinsame Leistungsbereitschaft und -fähigkeit fruchtbaren Boden findet? Welche Eigenschaften und Fähigkeiten sind relevant? Was kann ich tun, außer die Selbstverständlichkeiten zu reflektieren?

Es sind (klassisch) drei Bereiche die wichtig sind: Erstens die Frage nach der übergreifenden Zielsetzung, dem „Warum gibt es das Unternehmen, d.h. welche Probleme löst es für seine Kunden?“ – der „Purpose“ oder auch der ‚Job to be done‘ (nach Clayton Christensen) – , zweitens das Geschäftsmodell, das die Frage nach dem „Was macht das Unternehmen heute und in Zukunft“ beantwortet – eine Frage die gerne mithilfe des ‚Business Model Canvas’ wird – und drittens die Frage „Wie funktioniert das Zusammenspiel, damit das ‚Warum‘ und das ‚Wie‘ optimal ausgestaltet werden können?“- der Punkt, den man als ‚Managementmodell‘ bezeichnet.

Insbesondere das Zusammenspiel dieser drei Bereiche ist wichtig. Keiner kann ohne die anderen wirklich gut funktionieren. Dennoch fokussieren viele Unternehmen ihre Entwicklungs- und Veränderungsinitiativen auf die ersten beiden Bereiche. Das Herausarbeiten eines gemeinsamen „Purpose“ und das Befüllen des „Business Modell Canvas“ sind beliebte Themen in Strategie- und Führungsworkshops. 

Das Managementmodell, das im Wortsinn fundamental wichtig für den Erfolg der anderen beiden Punkte ist, wird als wohl größte Selbstverständlichkeit meist völlig außer Acht gelassen. In den meisten Unternehmen sind sich auch die Führungskräfte nicht einmal bewusst, welches Modell sie anwenden, geschweige denn, welchen Einfluss es hat. Es erscheint als kaum veränderbar und als „statisch-unpraktisch-aber funktionierend“. Mithin: Es ist genau das nicht. Ein zeitgemäßes Managementmodell ist dynamisch, praktisch und vor allem sorgt es dafür , dass der Laden problemfrei und rund läuft. Es ist das Fundament, das Geschäftsmodelle erst umsetzbar und den Sinn erlebbar macht.

Dabei muss, wie bei jedem Bau das Fundament zu seinem Überbau passen. Das Managementmodell muss sich mit den Veränderungen der Umwelt und der Geschäftsmodelle weiterentwickeln. Es muss in der Lage sein, das Erreichen der Zielsetzung und der Geschäftsmodelle optimal zu  unterstützen, indem es den Raum aufspannt, in dem sich der die Fähigkeiten des Unternehmens mit denen der Mitarbeiter:innen optimal kombinieren lassen.

Im seinem Kern beschreibt ein Managementmodell, die Parameter und Regeln, auf denen die konkrete Arbeit im Unternehmen aufsetzt. Heute heißt dies mehr denn je, Rahmenbedingungen, Normen und ein „operating system“ und „organizing system“ zu beschreiben und aufzubauen, das den Mitarbeitern ermöglicht, ihre dynamischen Fähigkeiten zu entwickeln, auszubauen und einzusetzen. Um diese Fähigkeiten einzusetzen, müssen Strukturen, Prozesse und Routinen so gefunden und gestaltet werden, dass diese auch im Stress, unter Druck und damit dynamikunabhängig anwendbar und nützlich sind. Sie müssen eine klare Richtung aufzeigen und zugleich Leitplanken bieten, sodass das Unternehmen und die Mitarbeiter:innen sich gezielt weiterentwickeln können. Zugleich muss die übergreifende Zielsetzung von allen gleichermaßen interpretiert werden können. 

Mit Blick auf das verwendete Managementmodell bedeutet dies, das operatives Arbeitssystem so zu gestalten, das optimale Bedingungen für größtmögliche Wertschöpfung entstehen. Dazu nimmt es zum Beispiel Einfluss auf

  • das Verständnis der übergreifenden Zielsetzung, des Purpose.
  • die Kultur, indem Normen und Werte in der Art des gewünschten, tolerierten und sanktionierten, weil unerwünschten Umgangs miteinander verankert werden. Ähnlich, wie sich die Verhaltensnormen in Opernhäusern und Fußballstadien unterscheiden und dennoch von den gleichen Personen akzeptiert und (zumeist) eingehalten werden. 
  • die Entwicklung, indem Impulse gegeben werden und Ressourcen im geeigneten Maß zur Verfügung stehen. 
  • der Art wie mit ‚Exploration‘ und ‚Exploitation‘ umgegangen wird, also echter Innovation bzw. der Weiterentwicklung bestehender Produkte, indem hierfür Raum gegeben oder eingeschränkt wird. Wobei die meisten Unternehmen beides geschickt kombinieren müssen, was besondere Aufmerksamkeit erfordert.
  • die Entscheidungswege und das Vertrauen, bzw. heute oftmals eher Misstrauen, das die Mitarbeiter:innen erfahren.
  • die Perspektive, Stabilität und Sicherheit, die die transparente Kommunikation und geeignete Narrative vermittelt wird.
  • das Gefühl von Gerechtigkeit, dass sich in einem offenen und ehrlichen Umgang mit Vergütungen, Statussymbolen und Privilegien ausdrückt. 

Wer sich selbst ein eigenes ersten Bild vom Zustand der Zukunftsfähigkeit des Managementmodells und der Zusammenarbeitslogik im eigenen Arbeitsumfeld machen will, kann in den nächsten Tagen zum Beispiel folgende Fokuspunkte betrachten:

  • Was sollte und muss an Selbstverständlichkeiten im Unternehmen erhalten bleiben, weil es positiv auf die Leistungsfähigkeit wirkt, was sollte umgestaltet oder abgeschafft werden. 
  • Wie viel Misstrauen bzw. wie viel Vertrauen stecken in den Prozessen und Strukturen der Organisation? Wie werden Fähigkeiten und Kompetenzen genutzt? Ganz konkret: Wie sehen die Entscheidungsprozesse im Unternehmen aus? Wer darf wann was – alleine oder gemeinsam mit anderen – entscheiden? Wer nicht? Wer besitzt echte fachliche, wer „nur“ hierarchische Entscheidungskompetenz?
  • Welches Führungsrollen- und Entwicklungs(selbst)verständnis herrscht vor? Wir über andere entschieden und bestimmt oder wird Raum geschaffen um den Mitarbeiter:innen Dinge und Entwicklungswege zu ermöglichen?
  • Welches Menschen- und Weltbild prägt den Umgang miteinander und mit Kunden? Wird Wertschätzung ausgedrückt und wenn ja wie? Wie bewertend bzw. wie wertneutral wird kommuniziert? 
  • Wie selbstverständlich werden Privilegien genutzt und deren Nutzung akzeptiert? Wofür werden Privilegien eingeräumt, für echtes Wertbeitragsengagement oder für die Wahrnehmung von Rollen? Gibt es systematische Benachteiligungen? 


In den Antworten auf diese Fragen stecken viele dieser häufig unbedachten und unreflektierten Selbstverständlichkeiten, mit denen wir aufgewachsen sind. Viele sind heute, in einer sich schnell verändernden Unternehmensumwelt nicht mehr zeitgemäß, einigen darüber hinaus tatsächlich gefährlich, weil sie (Spitzen-)Leistung, insbesondere von Teams, behindern und Leistungsbereitschaft torpedieren. Wo dies der Fall ist, ist dringend geboten das genutzte Managementmodell genauer unter die Lupe zu nehmen. 

Der Erfolg, den Unternehmen in der Zukunft brauchen, hängt stark davon ab, dass Purpose, Geschäftsmodell und das Managementmodell zu dem passen, was Mitarbeiter:innen leisten können und wollen. Die Zukunft ist auch hier mehr und mehr ein Gemeinschaftsprojekt!

Als Diagnostischer Mentor und Regionalpartner im AGILITYIinsights Netzwerk steht mir eine Diagnostik zur Verfügung, die u.a. den Status und die Passung des bestehenden Managementmodells zum Geschäftsmodell, den Anforderungen der Umwelt und den Fähigkeiten der Mitarbeitenden sichtbar und damit reflektierbar macht. Auf Anfrage gebe ich dazu gerne weiterführende Informationen und erstelle ein konkretes Angebot. 

Eine Bitte in eigener Sache: Derzeit untersuche ich, welche Auswirkungen die Pandemie auf klassische Hemmnisse der Zusammenarbeit in Unternehmen hat und welche Erwartungen die Teilnehmer an die Zeit eines „new normal“ knüpfen. Jede Teilnahme ist für mich wertvoll. Und nebenbei gibt es auch noch ein paar Bücher zu gewinnen. Hier geht es zur Befragung.

Und noch ein Hinweis: Wer sicherstellen möchte, alle Blogbeiträge von mir zu erhalten, kann seine e-mail Adresse hier hinterlassen.