Ein nachgereichter Beitrag zur Festschrift für Reiner Straub
Vier Fotografien von Katrin Binner begleiten die Festschrift für Reiner Straub. Sie zeigen Hände, die einer Reinigungskraft, eines Malers, eines Gemüsehändlers und eines Menschen im Büro. Reiner hat in seiner Replik beschrieben, was diese Bilder sichtbar machen: Ein großer Teil der Arbeit in diesem Land wird eben nicht vor einem Bildschirm erledigt.
Wer die Bilder eine Weile ansieht, stößt auf eine Frage, die in den dreiunddreißig Beiträgen des Bandes kaum vorkommt. Wer genau soll diese Hände eigentlich sehen? Geschrieben haben Personalvorstände, Professoren, Berater und Beamte eines Ministeriums, und sie meinen die Wertschätzung ernst. Sie schreiben allerdings aus der Lage derer, die entscheiden, wer gesehen wird.
Wertschätzung braucht eine Adresse
Die Reinigungskraft auf dem ersten Foto arbeitet womöglich gar nicht für die Organisation, deren Büros sie reinigt. Gebäudereinigung wird häufig an Dienstleister vergeben. Im Unternehmen taucht sie dann als Position in einem Leistungsverzeichnis auf, mit Quadratmetern und Intervallen, und in keiner Mitarbeiterbefragung. Ein Personalvorstand, der sie sehen will, fände sie in keiner seiner Listen.
Vorwerfen lässt sich das niemandem. Organisationen sehen durch ihre Formen, durch Kennzahlen, Berichtswege, Gremien und Freigaberegelungen. Was dort erfasst ist, kommt in Besprechungen vor. Was dort fehlt, bleibt draußen, auch wenn die Führung noch so freundlich ist.
Judith Muster beschreibt in der Festschrift, warum die Trennung zwischen Mensch und Mitglied die Würde sogar schützt: Die Organisation hat kein Recht auf den ganzen Menschen. Die Kehrseite trifft alle, die gar nicht erst Mitglied sind. Sie haben keine Rolle, also auch keine Stelle, an der ihr Wort zur Aufgabe gehört.
Gesehen wird, was die Organisation erfasst. Wertschätzung, die keine Stelle im Aufbau hat, bleibt ein Gefühl der Wohlmeinenden.
Mehr Zahlen, weniger Gespräch
Dass Anerkennung über den falschen Kanal kippen kann, zeigt ein Feldversuch, den Dirk Sliwka mit Kathrin Manthei und Timo Vogelsang in einer Handelskette durchgeführt hat. In einem Teil der Filialen führten die Vorgesetzten strukturierte Feedbackgespräche mit den Filialleitern, in einem anderen gab es zusätzlich einen Bonus auf den Gewinn.
Die Gespräche allein steigerten den Gewinn der Filialen um sieben bis acht Prozent. Kam der Bonus dazu, verschwand der Effekt. Die Gesprächsprotokolle zeigen, was sich verändert hatte: Mit Bonus wurde in sechs von zehn Filialen in keinem einzigen Gespräch ein Problem genannt, ohne Bonus nur in gut jeder fünften.
Wer für den Gewinn bezahlt wird, bei dem klingt ein gemeldetes Problem eben schnell nach Ausrede und kaum noch nach Einsatz. Die Organisation bekam also eine klarere Zahl und hörte weniger. Gemeint war der Bonus sicher als Wertschätzung, und das macht den Befund so lehrreich.
Carsten Schermuly erwartet in seinem Beitrag, dass viele Unternehmen unter Druck trotzdem weiter an dieser Schraube drehen, mit Präsenzpflicht, enger Steuerung und Leistungsmessung, die künftig eine KI übernimmt. Ich nenne das den Kontrollreflex: Wenn die Unsicherheit steigt, greift die Organisation zur Messung, weil Messen sich nach Handeln anfühlt.
Julia Bangerth erinnert an Antoinette Weibels Befund, dass Menschen, die sich dauerhaft überwacht fühlen, weniger Verantwortung übernehmen und seltener etwas Neues ausprobieren. Gemessen werden ist eben etwas anderes als gesehen werden.
Eine Leine am Band
In den Werken von Toyota läuft eine Leine am Montageband entlang, über die ganze Länge der Linie. Wer am Band einen Fehler bemerkt, zieht daran. Der Teamleiter kommt, und lässt sich das Problem nicht innerhalb des Arbeitstakts lösen, steht das Band. Dafür braucht niemand eine Erlaubnis, und niemand muss vorher seinen Vorgesetzten überzeugen.
Die Hand am Band wird gesehen, weil der Ablauf ihr ein Recht gibt, das ganze System anzuhalten. Mit Haltung hat das wenig zu tun, es ist eine Regel, die aufgeschrieben ist und benutzt wird. Man könnte es eine Verfassungsfrage nennen: Wer darf etwas anhalten, wer darf etwas ändern, und wer muss vorher gefragt werden?
Matthias Meifert beschreibt im Band, was passiert, wenn diese Frage offen bleibt. Organisationen reden dann von Eigenverantwortung und behalten Ziele, Ressourcen und Freigaben an zentraler Stelle. Der Widerspruch landet bei den Einzelnen, und ihr Scheitern sieht aus wie ein persönliches Defizit. Die Ermächtigung ist dann nur ausgesprochen worden, formal verschoben wurde nichts.
Diesen Effekt kann jeder an seiner eigenen Organisation prüfen, in wenigen Minuten. Sucht die Stellen, an denen jemand aus dem Betrieb etwas anhalten oder ändern darf, ohne vorher einen Vorgesetzten zu überzeugen. Oft findest man sie in der Arbeitssicherheit und selten sonst. Genau dort hört das Sehen auf.
Was eine KI sieht
Mit der KI verschärft sich die Frage. Ein System, das Entscheidungen vorbereitet, liest, was dokumentiert ist. Je mehr Vorgänge durch solche Systeme laufen, desto mehr bedeutet „gesehen werden", in einem Feld zu stehen. Das Wissen der Hände, das niemand aufgeschrieben hat, fällt damit gleich doppelt heraus, aus der Besprechung und aus der Auswertung.
Kai Anderson schreibt, die New-Work-Frage sei gewesen, wie wir arbeiten, und die KI-Frage sei, was wir arbeiten. Dann stellt sich eine dritte: Wer darf mitreden, wenn Arbeit neu zugeschnitten wird? Wird sie über die Köpfe derer hinweg neu bestimmt, die sie tun, verliert die Organisation genau das Wissen, das sie gerade am dringendsten bräuchte.
Die Festschrift weiterschreiben
Reiner Straub verbindet in seiner Replik die fehlende Anerkennung von Handarbeit mit den jüngsten Wahlergebnissen. Viele fühlen sich weder in der Politik noch in Konzernstrategien vertreten. Ob das die Wahlen erklärt, will ich hier nicht entscheiden. Das Gefühl selbst lässt sich aber an jeder Organisation prüfen, die sagt, ihr gehe es um die Menschen.
Eine Festschrift kann das nicht lösen. Sie kann aber den Kreis derer größer machen, die über den Wert der Arbeit schreiben. Im Band fehlen die Meisterin aus dem Handwerk, der Betriebsrat eines Zulieferers und die Pflegekraft, die nach der Nachtschicht noch den Übergabezettel schreibt. Mit ihren Beiträgen würde das Buch ein anderes, und ein vollständigeres.
Deshalb dieser nachgereichte Text, und die Einladung an alle, die mögen, einen eigenen zu schreiben. Die Hände auf den Fotos brauchen keine Fürsprecher. Sie brauchen Stellen in unseren Organisationen, an denen sie etwas anhalten dürfen.
Lieber Reiner Straub,
Du hast über Jahrzehnte die gefragt, die entscheiden, und hast dabei nie vergessen, für wen entschieden wird. In der Wortsammlung am Anfang des Bandes steht ein Satz von Dir: „Gute Arbeitsbedingungen und überzeugende Produkte motivieren mehr als ein unglaubwürdiger Purpose." Das ist für mich der Kern dieser Festschrift, weil Arbeitsbedingungen gebaut werden und nicht verkündet.
Danke für die Fragen, die Du gestellt hast, und für die, die Du uns jetzt zum Weiterschreiben überlässt. Ob eine Organisation die Hände auf diesen Fotos sieht, entscheidet sich an der Stelle, an der eine von ihnen etwas anhalten darf.