In drei Bereichen fließt unsere Energie ab - wie können wir sie retten?
Die etablierten Störungen
Im ersten Teil hatte ich sie schon genannt, die vielen kleinen und großen Stolpersteine mit denen wir täglich zu tun haben, zu lästigen aber tolerierten Gewohnheiten geworden sind. Doch - so leid es (mir) tut: Solange man mit einer Vielzahl solcher Hemmnisse und solcher Klötze am Bein zu tun hat, ist die Idee ein anderes Menschenbild oder „Arbeiten X.0“ zu etablieren ein Luxusproblem. Welche Entwicklungs- und Bewusstheitsstufen teilweise vonnöten sind, zeigen einige Titel der aktuell gängigen Literatur auf wie etwa „Reinventing Organizations" oder „Tribal Leadership“. Die dort dargestellten Schritte sind auf dem Weg allein schon deshalb für manche wichtig, weil Sie Lernerfahrungen „am eigenen Leib“ ermöglichen. Meine eigene „Passion“ für das Thema „Zukunft der Arbeit“, zeitgemäße Organisationsgestaltung und Leadership entstammt zu einem guten Teil auch meiner ganz persönlichen negativen wie auch positiven Erfahrungen als Teil klassischer Hierarchien. Anderseits bestehen gute Chancen, dass Organisationen, die den Willen entwickeln sich einer neuen, positiven Art der Zusammenarbeit anzunähern, erfolgreich diese Entwicklung durchlaufen, wenn der Weg erst geebnet und das Fundament stabil ist. Für diese Stabilität sorgt eine Art Baukasten an ausgewogenen und das jeweilige Gesamtsystem beachtenden und dieses vor allem mit einbeziehenden Kernthemen. Zu dieser Sammlung gehören aus meiner Wahrnehmung ganz herausragend immer die drei großen „V“: Vision, Vertrauen, Verbundenheit, aber ebenso Kommunikation, Ratio, Intuition, Resilienz und ein gemeinsames Verständnis für die Verantwortung, die das Unternehmen übernimmt und im Gegenzug von seinen Stakeholdern einfordern muss. Ziel ist die latente Unsicherheit aus dem System auszuphasen stattdessen der Wahrnehmung von persönlicher und gemeinsamer Sicherheit den Boden zu bereiten. Insbesondere Agilität und ein positives Menschenbild brauchen ein stabiles Fundament. Sonst schießt die nächste kleine Krise alle zusammen zurück auf die Rückseite des Mondes.„Agilität braucht ein stabiles Fundament.“ Lukas Michel
Zeit- und Energieräuber
Kennen Sie die eigentlich, diese kleinen Zeit- und Energieräuber, die zum Beispiel Lars Vollmer immer wieder sehr pointiert beschreibt. Es sind die vielen, aus den „guten alten“ Zeiten langsamerer Kommunikation und weniger gut ausgebildeter Mitarbeiter, übernommenen und immer weiter verkorksten Dinge, wie etwa Projektampeln, Statusreports, Zielvereinbarungen & Mitarbeitergespräche, Boni, unstrukturierte Meetings, Joure-Fixe, Dienstwagen- und Reisekostenregelungen, Präsenzpflicht oder Wissensleistung die in Arbeitszeit gemessen wird. Kurz, die viele Bürokratie und überholten Strukturen, die (fast) ausschließlich dazu zu dienen scheinen, das Misstrauen gegenüber den loyalen Mitarbeitern in geordnete Bahnen zu lenken. Genauso sind Intransparenz, lange Entscheidungswege, Machtgehabe und Abteilungsfehden vor allem eins: Tödlich für eine adäquate Nutzung der vorhandenen Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit. Sie sind das genaue Gegenteil der Leistungsbefähigung, die die zentrale Aufgabe von Führung und Organisationsstruktur ist. Hier wird oftmals eine unglaubliche Reifedivergenz sichtbar. Haufe bezeichnet diese im „Haufe Quadranten“ als „Schattenorganisation“ - die meisten kennen es als gut vernetzte unbürokratische Zusammenarbeit. Kommen zu dieser Reifedivergenz zwischen der Organisationsstruktur und den Mitarbeiter noch Divergenzen in anderen Dimensionen - in Richtung der übrigens Stakeholder und etwa des Marktes hinzu, dann lebt dieses Unternehmen eigentlich schon längst in einem Paralleluniversum. Das 4+dim Maturity-Model hilft hier den Blick zu fokussieren, denn es ist der Fokus der Aufmerksamkeit der - nach den Prinzipien des "Inner Game" von Tim Gallwey - dringend hinterfragt und geklärt werden muss.
4+ dim Maturity Model (c) 2016, Guido Bosbach

Leadership Scorecard (TM) aus dem Buch "Management Design" von Lukas Michel
Die VUCA-Welt und das Tagesgeschäft
Während wir uns damit selbst ohnehin schon - lange geübt - ständig Knüppel zwischen die Beine werfen, sind wir in den Weiten des Alls längst in einer neuen Galaxie gelandet, die unsere volle Aufmerksamkeit einfordert: Der VUCA-Welt. Sie kennen die VUCA-Welt sicherlich bereits bis zum abwinken, oder? Volatil, Unsicher, (C)Komplex und (A)Vielfältig geht es hier zu. Bei Themen die im Zusammenwirken größerer „Systeme“ ist VUCA, und dabei vor allem Komplexität, keine Ausnahme mehr, sie ist die Regel - nur in Regeln fassen lassen sich solche Anforderungen nicht mehr. Aus Sicht planungsgewohnter Manager Chaos pur. Doch: Die Angst vor dem Kontrollverlust verhindert, dass wir mit dem was früher Chaos war heute agil umgehen können. Da wo VUCA auf die Strukturanpassungen der letzten Jahre trifft, prallt notwendige Agilität und Freiraum auf hyperoptimierte Abläufe, Kostendruck, Ressourcenengpässe und maximale Dauerauslastung. Da ist kaum Raum für ein bewusstes durchatmen, für die Lupe und die Goldwaage, denn alles ist schon 3mal betrachtet, abgewogen und verschlankt. Das führt dazu, dass, um dem Chaos Herr zu werden, mit noch mehr Regeln alles noch eindeutiger gemacht wird. Das war bei der Steuergesetzgebung auch mal so. Heute ist das deutsche Steuerrecht das umfangreichste der Welt - und niemand, wirklich NIEMAND blickt da mehr zu 100% durch.„Moderne Manager haben Zeit, über das Wesentliche nachzudenken. Ein Manager wird dafür bezahlt, daß er die großen Fragen seines Unternehmens sauber durchdenkt.“ Peter Drucker
Selbstreflexion?!
Der von Peter Drucker eingeforderte geistige Freiraum zur Reflexion der großen Fragen wird zu 99% vom Tagesgeschäft und der Behandlung der Symptome der tief verankerten Störungen aufgefressen. Ein paar Manager leisten sich zwar Coaches, um wenigstens auf persönliche Ebene die Geschehnisse regelmäßig einem Perspektivwechsel zu unterziehen. Auf organisationaler Ebene sind Mentoren die ganze Teams, Abteilungen oder auch das gesamte Unternehmen durch gemeinsame Reflexionen führen jedoch noch extrem selten. Damit fehlen auch Anlass und Gelegenheit die Entwicklungsgrade von Organisationsstrukturen und der jeweiligen individuellen Rolle und Ausgestaltungsfähigkeit der Mitarbeiter abzugleichen. Punkte bei denen zum Beispiel der oben bereits angesprochene „Haufe Quadrant“ oder - in umfangreicherem Kontext unter Einbezug der Stakeholder - mein „4+ dim. Maturity-Model“ ansetzt. Fehlt dieses bewusste in sich gehen, bleiben leicht erkenn- und nutzbare Entwicklungsmöglichkeiten - zum Nachteil von Mitarbeiter und Unternehmen - einfach liegen. Selbstwirksamkeit findet keinen Boden, Bereiche in den Mitarbeiter sich einbringen möchten, werden abgewürgt und Wertschöpfung findet nur weit unterhalb der Potenziale statt weil Wertschätzung fehlt. Jedoch bergen (pro-)aktiv von den Mitarbeitern eingebrachte Ideen und der transparente und offenen Austausch über Chancen, Wünsche und Fähigkeiten aus Sicht der etablierten Führung viele Risiken und Konfliktpotenzial. Anderseits bringen sie den oft lange ersehnten Schwung in den Laden. Wenn man dieses Spannungsfeld mit seinen großen Herausforderungen verstanden hat, kann man beginnen es zu gestalten und im Sinne einer positiven Weiterentwicklung gestalten. Um das auch klar gesagt zu haben: Natürlich können Sie mit ganz einfachem Methoden und Hacks beginnen im kleinen Dinge zu verändern. Ich empfehle das selbst im geeigneten Kontext immer wieder. Sie sollten sich nur bewusst sein, dass sie damit - sofern Sie nicht zuvor die Ursachen in Tiefe verstanden haben und die Hacks in diesem Zusammenhang anwenden - oftmals nur an den Symptomen kratzen. Auch wenn der Schalter zum beamen eine andere Farbe hat - die Energie fehlt dann dennoch weiterhin.Verstanden! Und jetzt?
Niemand startet mit einem solchen Unterfangen einfach ins Blaue hinein - und niemand aus dem Blauen heraus. Es braucht den konkreten Anlass für die Veränderung, oder im Kontext der „Enterprise“ für den Versuch zu beamen. Niemand geht eine solche Transformation an, wenn man nicht ohnehin einen Neubeginn wagen will oder, aus der Wahrnehmung einer Krise heraus, wagen muss. Zugegeben, für manchen Firmen war die Ausgestaltung eines sinnvollen Miteinanders ein natürlicher Wegpunkt ihrer Weiterentwicklung (z.B. bei Valve, W.L.Gore oder Favi). Andere sind allerdings zunächst durch ein organisationales Trauma gegangen, standen am Rand der Insolvenz oder sahen zumindest den Wettbewerb vorne wegziehen (HCL). Es braucht ein gehöriges Maß an Volition um den Rubikon der Veränderung überschreiten zu können.Am Montag dem 14.03.2016 lesen Sie welche Grundsätze ich sehe, die bei der Umgestaltung hin zu mehr Menschlichkeit helfen können.