Energ..?!

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Der 2. Teil meiner „keine Energie zum beamen“ Trilogie
Im ersten Teil meiner Trilogie über die Voraussetzungen zur Entstehung eines neuen positiven Menschenbilds in Unternehmen konnten Sie lesen, warum es meiner Ansicht nach nicht funktioniert einfach einen Schalter umzulegen und uns selbst umzupolen. In diesem Beitrag nun gehe ich auf die drei wesentlichsten Bereich ein, die unsere Arbeitsenergie ungenutzt abfließen lassen.


 

In drei Bereichen fließt unsere Energie ab – wie können wir sie retten?

Die etablierten Störungen

Im ersten Teil hatte ich sie schon genannt, die vielen kleinen und großen Stolpersteine mit denen wir täglich zu tun haben, zu lästigen aber tolerierten  Gewohnheiten geworden sind. Doch – so leid es (mir) tut: Solange man mit einer Vielzahl solcher Hemmnisse und solcher Klötze am Bein zu tun hat, ist die Idee ein anderes Menschenbild oder „Arbeiten X.0“ zu etablieren ein Luxusproblem.
 
Welche Entwicklungs- und Bewusstheitsstufen teilweise vonnöten sind, zeigen einige Titel der aktuell gängigen Literatur auf wie etwa „Reinventing Organizations“ oder „Tribal Leadership“. Die dort dargestellten Schritte sind auf dem Weg allein schon deshalb für manche wichtig, weil Sie Lernerfahrungen „am eigenen Leib“ ermöglichen. Meine eigene „Passion“ für das Thema „Zukunft der Arbeit“, zeitgemäße Organisationsgestaltung und Leadership entstammt zu einem guten Teil auch meiner ganz persönlichen negativen wie auch positiven Erfahrungen als Teil klassischer Hierarchien.
 
Anderseits bestehen gute Chancen, dass Organisationen, die den Willen entwickeln sich einer neuen, positiven Art der Zusammenarbeit anzunähern, erfolgreich diese Entwicklung durchlaufen, wenn der Weg erst geebnet und das Fundament stabil ist.
Für diese Stabilität sorgt eine Art Baukasten an ausgewogenen und das jeweilige Gesamtsystem beachtenden und dieses vor allem mit einbeziehenden Kernthemen. Zu dieser Sammlung gehören aus meiner Wahrnehmung ganz herausragend immer die drei großen „V“: Vision, Vertrauen, Verbundenheit, aber ebenso Kommunikation, Ratio, Intuition, Resilienz und ein gemeinsames Verständnis für die Verantwortung, die das Unternehmen übernimmt und im Gegenzug von seinen Stakeholdern einfordern muss.
Ziel ist die latente Unsicherheit aus dem System auszuphasen stattdessen der Wahrnehmung von persönlicher und gemeinsamer Sicherheit den Boden zu bereiten.
Insbesondere Agilität und ein positives Menschenbild brauchen ein stabiles Fundament. Sonst schießt die nächste kleine Krise alle zusammen zurück auf die Rückseite des Mondes.
 

Agilität braucht ein stabiles Fundament.“ Lukas Michel
 

Zeit- und Energieräuber

Kennen Sie die eigentlich, diese kleinen Zeit- und Energieräuber, die zum Beispiel Lars Vollmer immer wieder sehr pointiert beschreibt. Es sind die vielen, aus den „guten alten“ Zeiten langsamerer Kommunikation und weniger gut ausgebildeter Mitarbeiter, übernommenen und immer weiter verkorksten Dinge, wie etwa Projektampeln, Statusreports, Zielvereinbarungen & Mitarbeitergespräche, Boni, unstrukturierte Meetings, Joure-Fixe, Dienstwagen- und Reisekostenregelungen, Präsenzpflicht oder Wissensleistung die in Arbeitszeit gemessen wird. Kurz, die viele Bürokratie und überholten Strukturen, die (fast) ausschließlich dazu zu dienen scheinen, das Misstrauen gegenüber den loyalen Mitarbeitern in geordnete Bahnen zu lenken. Genauso sind Intransparenz, lange Entscheidungswege, Machtgehabe und Abteilungsfehden vor allem eins: Tödlich für eine adäquate Nutzung der vorhandenen Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit. Sie sind das genaue Gegenteil der Leistungsbefähigung, die die zentrale Aufgabe von Führung und Organisationsstruktur ist.
 
Hier wird oftmals eine unglaubliche Reifedivergenz sichtbar. Haufe bezeichnet diese im „Haufe Quadranten“ als „Schattenorganisation“ – die meisten kennen es als gut vernetzte unbürokratische Zusammenarbeit. Kommen zu dieser Reifedivergenz zwischen der Organisationsstruktur und den Mitarbeiter noch Divergenzen in anderen Dimensionen – in Richtung der übrigens Stakeholder und etwa des Marktes hinzu, dann lebt dieses Unternehmen eigentlich schon längst in einem Paralleluniversum.
 
Das 4+dim Maturity-Model hilft hier den Blick zu fokussieren, denn es ist der Fokus der Aufmerksamkeit der – nach den Prinzipien des „Inner Game“ von Tim Gallwey – dringend hinterfragt und geklärt werden muss.

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4+ dim Maturity Model (c) 2016, Guido Bosbach


 
Oder sind sie nicht durch zu viele e-mails abgelenkt? Wachsen ihnen die immer individuelleren Anforderungen ihrer internen und externen Kunden nicht auch längst über den Kopf? Dies ohne die Möglichkeit auf normierte Standards ausweichen zu können, denn normierten und standardisierten Durchschnitt wollen wir alle längst weder haben noch sein.
Wenn ihre Auslastung bei 100% liegt, dann sollten sie vielleicht doch mal etwas zur Warteschlangenformel bzw. „Littles Gesetz“ nachlesen (z.B. in Schwarmdumm von Prof. Dr. Gunther Dueck).
Oder befinden Sie sich nicht in einem ständigen, stetig wachsenden Informations- und Kommunikationsoverflow? Mr Checkofs Trikorder würde dauerpipsen vor lauter Informationen.
 
All das und noch vieles mehr verhindert wirksam, dass sich die Kommunikation verbessert, Themen umfassend transparent gemacht werden können, dass Strukturen sich bedarfsgerecht „fluide“ anpassen und dass Entscheidungen schnell und mit maximaler Kompetenz getroffen werden. Sie verhindern damit den Fluß produktiver Energie und nicht zuletzt auch die Verankerung eines positiven Menschenbilds.
 
Als kleinen Zwischenimpuls möchte ich Ihren Blick auf eine gängige Verwechselung leiten: Wir verwechseln häufig hierarchische zugewiesene Entscheidungsbefugnis mit Entscheidungs-Kompetenz – etwa so, wie wir Noten mit Wissenserwerb verwechseln. Zumindest im letzten Kontext ist klar, dass Noten, die ein Lehrer vergibt von vielem abhängen. Vom Gesamtsystem Schule, von den Unterrichtsmaterial, von der Lernumgebung, vom Klassendurchschnitt, von der Lehrkompetenz und ganz am Ende auch – aber eben nur zum Teil – vom nachweislich erlangten Wissen.
Diese Erkenntnisse scheint uns im Berufsalltag manchmal zu fehlen. Aber das sind nur einige der Probleme über die wir täglich  stolpern.
 
Packen Sie doch mal eine imaginäre Lupe und eine gedachte Goldwaage aus und betrachtet jede Regel, jeden Prozess, jede Struktur mal genauer. Wägen Sie ab, ob starre Regeln hier helfen, oder ob ein wenig mehr Flexibilität (statt ständige Ausnahmen) nicht vielleicht doch helfen.
 
Aber, auch wenn ich die Goldwaagen Metapher liebe, sie hilft leider nur die oxidierten Leitungen und die verschmorten Platinen im Energiesystem des Raumschiffs Enterprise zu finden. Sie hilft nicht dabei das Gesamtsystem zu betrachten. Hier braucht es dann Ansätze wie die von Lukas Michel hundertmal angewandte und wissenschaftlich validierte AgilityINsight Diagnostik, die die Störungen in den Kontext des Organisationssystems stellt, für das Top-Management sichtbar macht und damit auf dieser Ebene einen Dialog darüber anstößt, welche Kabelschächte zu eng geworden sind und wo ganz neue Aggregate ausgebaut oder erneuert werden sollten.
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Leadership Scorecard (TM) aus dem Buch „Management Design“ von Lukas Michel


 
Denn, diese vielen von Michael Ende in Momo schon vor langer Zeit als Zeitdiebe bezeichneten Dinge, erhöhen den Krankenstand, erhöhen die Fluktuation und bringen dabei gerade „die Weiterentwicklungstreiber“ in der Organisation dazu zu gehen. Sie erhöhen den Druck auf die Verbliebenen, reduzieren die Motivation und wirken damit massiv nach außen. Unzufriedene Kunden entstehen (auch) durch demotivierte Mitarbeiter und motivierte Mitarbeiter besitzen in vielfacher Hinsicht Mehr-Wert. Einer der Gründe warum Vineet Nayar HCL Technologies mit der Idee des „Employees first, customers second“ retten konnte.
 
 
Eines der deutlichsten Symptome für die Masse an kleinen und großen Störungen, die das Gesamtsystem der Organisation beeinflussen, ist der im Management oft geäußerte Notwendigkeit eines Kulturwandels.
Wann immer sie das hören, denken Sie an die Lupe, die Goldwaage und die Betrachtung des Gesamtsystems! Das alles bitte BEVOR sie sinnlos einen Kicker und Obstkörbe bestellen.
 
Dabei – ganz nebenbei: Kultur kann man nicht „wandeln“. Kultur IST.
Sie ist das Ergebnis all der Werte, Ideen, Wünsche, Ausdrucksformen, Regeln und Sozialisierungen der Menschen (und der Strukturen), die es in einer Organisation und in ihrem Umfeld gibt. Sie können Kultur fördern, sie können mit gutem Beispiel vorangehen. Sie aktiv zu „wandeln“ oder zu „entwickeln“ geht einfach nicht.
 
Wunderglaube ist hier leider auch fehl am Platz. Wann immer sie an diesen tief verankerten Problemen arbeiten – Veränderung braucht Zeit. Die Logik: „Problem erkannt, Problem gebannt“ funktioniert – aber es dauert. Haben Sie schon mal eine Diät gemacht und dabei ihre Lebens- und Essgewohnheiten geändert, oder versucht mit dem Rauchen aufzuhören? Vieles ist Gewohnheit und es braucht, wie man sagt, mindestens 21 sehr achtsame Tage um auch nur einen guten Anfang zu schaffen. Schon drei Wochen können verflixt lang sein! Ein Prozess der so in die Tiefe geht, wie der eine Organisation zu verwandeln dauert hingegen manchmal Jahre – und endet im Grunde nie wirklich.

Die VUCA-Welt und das Tagesgeschäft

Während wir uns damit selbst ohnehin schon – lange geübt – ständig Knüppel zwischen die Beine werfen, sind wir in den Weiten des Alls längst in einer neuen Galaxie gelandet, die unsere volle Aufmerksamkeit einfordert: Der VUCA-Welt.
 
Sie kennen die VUCA-Welt sicherlich bereits bis zum abwinken, oder? Volatil, Unsicher, (C)Komplex und (A)Vielfältig geht es hier zu. Bei Themen die im Zusammenwirken größerer „Systeme“ ist VUCA, und dabei vor allem Komplexität, keine Ausnahme mehr, sie ist die Regel – nur in Regeln fassen lassen sich solche Anforderungen nicht mehr. Aus Sicht planungsgewohnter Manager Chaos pur.
Doch: Die Angst vor dem Kontrollverlust verhindert, dass wir mit dem was früher Chaos war heute agil umgehen können.
 
Da wo VUCA auf die Strukturanpassungen der letzten Jahre trifft, prallt notwendige Agilität und Freiraum auf hyperoptimierte Abläufe, Kostendruck, Ressourcenengpässe und maximale Dauerauslastung. Da ist kaum Raum für ein bewusstes durchatmen, für die Lupe und die Goldwaage, denn alles ist schon 3mal betrachtet, abgewogen und verschlankt.
 
Das führt dazu, dass, um dem Chaos Herr zu werden, mit noch mehr Regeln alles noch eindeutiger gemacht wird.
Das war bei der Steuergesetzgebung auch mal so. Heute ist das deutsche Steuerrecht das umfangreichste der Welt – und niemand, wirklich NIEMAND blickt da mehr zu 100% durch.
 

Moderne Manager haben Zeit, über das Wesentliche nachzudenken. Ein Manager wird dafür bezahlt, daß er die großen Fragen seines Unternehmens sauber durchdenkt.“ Peter Drucker

 

Selbstreflexion?!

Der von Peter Drucker eingeforderte geistige Freiraum zur Reflexion der  großen Fragen wird zu 99% vom Tagesgeschäft und der Behandlung der Symptome der tief verankerten Störungen aufgefressen. Ein paar Manager leisten sich zwar Coaches, um wenigstens auf persönliche Ebene die Geschehnisse regelmäßig einem Perspektivwechsel zu unterziehen. Auf organisationaler Ebene sind Mentoren die ganze Teams, Abteilungen oder auch das gesamte Unternehmen durch gemeinsame Reflexionen führen jedoch noch extrem selten. Damit fehlen auch Anlass und Gelegenheit die Entwicklungsgrade von Organisationsstrukturen und der jeweiligen individuellen Rolle und Ausgestaltungsfähigkeit der Mitarbeiter abzugleichen. Punkte bei denen zum Beispiel der oben bereits angesprochene „Haufe Quadrant“ oder – in umfangreicherem Kontext unter Einbezug der Stakeholder – mein „4+ dim. Maturity-Model“ ansetzt.
 
Fehlt dieses bewusste in sich gehen, bleiben leicht erkenn- und nutzbare Entwicklungsmöglichkeiten – zum Nachteil von Mitarbeiter und Unternehmen – einfach liegen.
Selbstwirksamkeit findet keinen Boden, Bereiche in den Mitarbeiter sich einbringen möchten, werden abgewürgt und Wertschöpfung findet nur weit unterhalb der Potenziale statt weil Wertschätzung fehlt.
Jedoch bergen (pro-)aktiv von den Mitarbeitern eingebrachte Ideen und der transparente und offenen Austausch über Chancen, Wünsche und Fähigkeiten aus Sicht der etablierten Führung  viele Risiken und Konfliktpotenzial. Anderseits bringen sie den oft lange ersehnten Schwung in den Laden.
Wenn man dieses Spannungsfeld mit seinen großen Herausforderungen verstanden hat, kann man beginnen es zu gestalten und im Sinne einer positiven Weiterentwicklung gestalten.
 
Um das auch klar gesagt zu haben: Natürlich können Sie mit ganz einfachem Methoden und Hacks beginnen im kleinen Dinge zu verändern. Ich empfehle das selbst im geeigneten Kontext immer wieder. Sie sollten sich nur bewusst sein, dass sie damit – sofern Sie nicht zuvor die Ursachen in Tiefe verstanden haben und die Hacks in diesem Zusammenhang anwenden –  oftmals nur an den Symptomen kratzen.
Auch wenn der Schalter zum beamen eine andere Farbe hat – die Energie fehlt dann dennoch weiterhin.

Verstanden!
Und jetzt?

Niemand startet mit einem solchen Unterfangen einfach ins Blaue hinein – und niemand aus dem Blauen heraus. Es braucht den konkreten Anlass für die Veränderung, oder im Kontext der „Enterprise“ für den Versuch zu beamen. Niemand geht eine solche Transformation an, wenn man nicht ohnehin einen Neubeginn wagen will oder, aus der Wahrnehmung einer Krise heraus, wagen muss. Zugegeben, für manchen Firmen war die Ausgestaltung eines sinnvollen Miteinanders ein natürlicher Wegpunkt ihrer Weiterentwicklung (z.B. bei Valve, W.L.Gore oder Favi). Andere sind allerdings zunächst durch ein organisationales Trauma gegangen, standen am Rand der Insolvenz oder sahen zumindest den Wettbewerb vorne wegziehen (HCL).
Es braucht ein gehöriges Maß an Volition um den Rubikon der Veränderung überschreiten zu können.


Am Montag dem 14.03.2016 lesen Sie welche Grundsätze ich sehe, die bei der Umgestaltung hin zu mehr Menschlichkeit helfen können.

Maschinenraum an Brücke – Wir haben zu wenig Energie zum beamen!

Maschinenraum an Brücke – Wir haben zu wenig Energie zum beamen!

Niels Pfläging beschreibt in seinem Artikel „Warum wir von Semco und Co. nichts lernen können“ (z.B. hierhier und hier… ), warum jedweder Versuch die Beispiele von SEMCO… nachzuahmen mit fast 100% Sicherheit NICHT dazu führen, dass sich ein einer beliebigen Organisation etwas ändert– solange zumindest, wie, wie er es nennt, die magische Zutat eines neuen „Menschenbildes“ fehlt.
Er schließt mit der Aussage: „Auf den anderen Kontinent führt keine Brücke. Niemand braucht eine solche Brücke. Denn wir können uns beamen: Man ist sofort auf dem anderen Kontinent, von einem Moment auf den anderen, wenn man aufhört, andere Menschen für „Xer“ (im Sinne Douglas McGregorszu halten.“
Ich stimme mit Niels sowohl bezüglich der mangelnden Übertragbarkeit von Beispiele und „Best practices“ als auch bezüglich unserer problematischen Sozialisierung im Begriffsbild  der „Theorie X / Theorie Y“ vollkommen überein, allerdings hat es mich beim „wir können uns beamen“ heftig durchgeschüttelt.
Ein positives Menschenbild entsteht nicht per Gedankenstromänderung von jetzt auf gleich. Das ist insbesondere in Unternehmen nicht auf Knopfdruck realisierbar. Für die meisten Unternehmen (und Menschen), die diesen Weg beschritten haben, war es ein (oft langer) Marsch durch die Höhen und Tiefen der (Selbst-)Reflexion. Dabei haben sie alle einen organisationsindividuellen Weg gefunden, mit den Herausforderungen umzugehen. Sie selbst hatten kein Vorbild – und das war wahrscheinlich ihr Vorteil. Andererseits hatten sie Vordenker in den eigenen Reihen, die Ideen hatten und Mut und Impulse geben konnten und die , nicht zuletzt auch offen mit Irrtümer umgegangen sind.

Wenn man das will, was sollte man versuchen zu verstehen?

Es gibt immer eine Vielzahl an Themen, die es verhindern, mal „eben so“ Selbstreflexionskräfte wirken zu lassen. Insbesondere, wenn es um so etwas Fundamentales wir das eigene, oder gar das gemeinschaftliche Menschenbild geht. Zu oft haben wir klare Feindbilder in Bezug auf zumindest einige unserer Kollegen, Mitarbeiter, Partnerunternehmen und auch Kunden verinnerlicht. Zu viele Störungen verhindern dass wir den geistigen und manchmal auch physischen Freiraum erhalten, um ohne Druck und Angst über diese Menschenbilder und das Gesamtsystem unserer Arbeitsumwelt nachzudenken. Zu oft steht dem gesunden Menschenverstand und dem gesundem Menschengefühl das alte Mindset entgegen, dass man Erwachsene im Job nicht erwachsen behandeln darf.
AAEAAQAAAAAAAAVMAAAAJDU4MDA1YWI3LTk2MzgtNDU1Yi05ZjMzLTBmNGJiMWNmMzY3OQDabei wirkt vertrackterweise der Pygmalion-Effekt. Kurz gesagt: Die Wahrnehmung des anderen steuert auch unser Verhalten ihm gegenüber. Menschen die ich für verantwortungslos und entscheidungsunfähig halte, werden sich (in meiner Wahrnehmung) verantwortungslos und entscheidungsunfähig verhalten.
Dazu gibt es in jeder Organisation tagtäglich einen Sack voll guter Gründe, die es unmöglich erscheinen lassen einen Weg wie ihn Toyota, SEMCO etc. gegangen sind einzuschlagen. Dennoch ist die Versuchung groß, auch wenn dem Top-Management bewusst ist, dass das kopieren oder nachahmen von Beispielen und „Best practice“ nichts bringt, weil das Gesamtsystem der eigenen  Organisation ein ganz anders ist – ganz egal wie schlüssig die Idee und die Umsetzung beim anderen auch war.
Um im Raumschiff Enterprise Kontext zu bleiben. Beamen funktioniert in der Theorie schon. Der Transporterraum hat zumindest keine Fehlfunktion. Im Prinzip kann jeder, mit ausreichender Reflexionsmöglichkeit verstehen und wahrnehmen, dass die anderen sich selbst auch als „Xer“ sehen. Allerdings gibt es eine Vielzahl an Fehlern in der zentralen Energieversorgung, die verhindern, dass wir alle gemeinsam und sofort gebeamt werden können. Zu viel Energie geht ins umgebenden Weltall verloren, wird verschwendet und kommt nicht bei den Menschen und Systemen an. Schlimmer noch: Die Energie wird ihnen direkt entzogen. Damit fehlt uns der Freiraum für die Reflexion.
Immer wieder erhellend sind in diesem Bezug die Auswertungen zur „Organisationalen Energie“, die Prof. Dr. Heike Bruch, eine der Top-40-Köpfe des Personalwesens, mit ihrem Team der Uni St. Gallen durchführt. Hier wird deutlich, dass der richtige Mix aus produktiver und angenehmer Energie zwar Erfolgsrezept sind, aber zu viel resignative Trägheit und korrosive Energie teilweise dramatisch an der Substanz zehren.
Und noch etwas wird deutlich: Die zentrale Energieversorgung der Enterprise ist inzwischen in die Jahre gekommen, mit den Anforderungen und aufgrund der maroden Leitungen und  Störungen im Gesamtsystem überlastet und schlichtweg überfordert. Zu viele Störungen, starre Regelwerke, Bürokratie, kommunikative und kulturelle Hemmnisse belasten das Interaktionssystem und direkt die Mannschaft. Sie verhindern die Führung mit raumgebenden Prinzipien und dem Standard-Betriebssystem der Raumschiffe der neuen „humaNEO“-Klasse: dem humeaning. (humeaning bezeichnet die Kombination von Menschlichkeit (human bzw. humanity) mit der persönlichen Bedeutung der Aufgabe (meaning) in der Führung und Organsiationsgestaltung.)
Was also ist zu tun, wenn doch nur ein Neubau der Enterprise, eine „NCC-1701-A“, eine umfassende Lösung verspricht? Wie kann man ein Raumschiff bauen, wenn man gleichzeitig in geschäftliche Galaxien vordringen soll, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat?
Man sollte wohl vor allem nicht versuchen die letzten Schritte vor den ersten zu gehen und es nur in Ausnahmefällen versuchen die letzten Energien für’s beamen zu nutzen. Wobei – natürlich kann auch das gut gehen. Die ARTE Dokumentation „Mein wunderbarer Arbeitsplatz“ zeigt erfolgreiche Beispiele, wie zum Beispiel den französischen Lebensmittelhersteller Poult bei denen direkt gebeamt wurde. Allerdings auch mit offenem Visier und vollem Risiko.
So wenig sich das Tagesgeschäft heute nach der „Komfortzone“ anfühlt, sie ist doch zumindest bekanntes Terrain und jeder Schritt hinaus in die panikträchtige „magic zone“ will gut abgewogen und bedacht sein.
Der Bau einer NCC-1701-A aus einer bestehenden NCC-1701 heraus ist ein langer, auf individueller UND organisationaler Ebene Selbstreflexion erfordernder Prozess, auf dessen Weg wir zunächst Strukturen und Prozesse kräftig entrümpeln sollten. Dabei ist diese Entrümpelung eine Übung, die in jedem „Organisationsraumschiff“ ohnehin regelmäßig unternommen werden sollte. Es geht dabei nicht nur im Sinne eines „Kill your Darlings“ darum, ewige Projekte sinnvoll zu beenden, sondern eben auch um all die kleinen, inzwischen wohletablierten, Störungen und Macken, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben und die einige zwar wahrnehmen, für die nie Zeit war sie richtig in Ordnung zu bringen.
Aus meiner Perspektive sind es drei Bereiche, in und an denen es sich immer lohnt zu arbeiten – auch wenn eine „alte Enterprise“ nur wieder „auf Vordermann“ gebracht werden soll.

  1. die etablierten Störungen
  2. der Einfluß der VUCA-Welt auf das Tagesgeschäft
  3. die individuelle und organisationale Selbstreflexion

 
Zunächst stellt sich jedoch die Frage: Warum sollte sich die Organisation überhaupt verändern und weiterentwickeln. Kann man den Transporterraum nicht einfach abschalten. Raumgleiter statt beamen. Ging doch früher auch?!
Commander Spocks logische Antwort wäre wohl ganz emotionslos: Natürlich kann man das – man sollte es nur einfach nicht tun.
Dennoch: Ganz viele machen das so. Damit entscheiden diese Unternehmen gleichzeitig auch, dass es für sie nicht (und dann wohl nie) zeitgemäß ist, der Zukunft Raum zu geben.
Wenn man ihn nicht nutzt, wird der Transporterraum schnell zur Abstellkammer, was dann krisch wird, wenn man ihn doch wieder zu reaktivieren möchte, sollte mal Zeit und Energie übrig sein.
Lesen Sie im zweiten Teil dieser Trilogie, wie die Energie in diesen drei Bereichen abfließt. Am Montag dem 14.03.2016 lesen Sie welche Grundsätze bei der Umgestaltung hin zu mehr Menschlichkeit helfen können.
Ab dem 14.03.2016 können Sie alle drei Teile in auf meiner website als ebook herunterladen.

Mehr Impulsdialog – weniger Keynote

Mehr Impulsdialog – weniger Keynote

Wie schön ist es doch zu erkennen, wenn dass man wieder eine Gelegenheit erhalten hat etwas wichtiges zu lernen.
Ich möchte Sie einladen meinen neuesten Smart Failure mit mir zu reflektieren.

Was ist passiert? 

Eigentlich etwas ganz unspektakuläres. Etwas, dass jeden Tag hunderte Male geschieht. Ich habe auf einer Veranstaltung eine Keynote zu einem meiner Kernthemen, der „Zukunft der Arbeit“, gehalten. Im Vortrag ging es um aktuelle Unternehmenswelten über die langsam der VUCA Nebel aufzieht. Und es ging um die Chance – analog zu einer Bergtour – den Weg in Richtung einer veränderten Arbeitswelt zu gehen. Es ging um die Vorbereitungen die man treffen sollte, die Herausforderungen auf dem Weg, die Fähigkeit sich an der Veränderungen der Umwelt anzupassen und es ging darum, nach Prinzipien zu handeln die es dem Team erlauben sich zu 100% einzubringen. Prinzipien, die den Mensch im Fokus halten und ihm Raum geben, statt ihn einzuengen.

Wo lag der Fehler?

Keynotes – so wie ich sie wahrnehme – leben davon, dass vorne jemand steht, der mehr oder weniger perfekt versucht, sein Wissen, seine Wahrnehmungen oder auch seine Meinung dem Auditorium zu vermitteln. Ein Akt der versucht beim Zuhörer Bilder im Kopf entstehen zu lassen, um diese seiner Erfahrungswelt und seinem Wissen in Resonanz zu bringen. Doch bleibt ein Frontalvortrag eine 1 zu N Beziehung zwischen einem Sender und vielen, in diesem Moment unvernetzen und untereinander von der Kommunikation abgeschnittenen Empfängern.

Erkennen Sie den Fehler? 

Um Sie nicht weiter mit Sugestivfragen zu nerven: Aus meiner Sicht verschenkt ein solches Format das enorme Potenzial, dass sich aus einem früher geöffneten multilateralen Dialog ergeben könnte.
Es verschenkt das Potenzial, dass entsteht, wenn viele den Raum bekommen ihr Wissen und ihre Erfahrung in den Ring zu werfen, wenn die Anknüpfungspunkte sich plötzlich multiplizieren und wenn aus „1 zu N“ plötzlich „M zu N“ wird. Dabei tritt immer wieder zu Tage, wie viel Wissen – gerade zum Thema neue Arbeitswelt – viele schon in sich tragen. Wenig erstaunlich, wenn man sich klar macht, dass es im Kern vor allem auf gesunden Menschenverstand und ein gesundes Menschengefühl ankommt.
Nun mag ich vergleichsweise viel Wissen im Kontext „Arbeiten 4.0“ besitzen, einfach weil ich mir den Luxus leiste, dies zu einem meiner Kernthemen gemacht zu haben. Dennoch werde ich, wie auch niemand sonst, jemals das gesamte ganze Wissen zu dem Thema in mir tragen können, allein schon weil es dazu mehr Wissen gibt als ein einzelner Mensch je wird erfassen können.
Auch wenn mir viel daran liegt diese Grundwissen zu verbreiten, so hilft diese Verbreitung wenig, wenn nicht zugleich auf der anderen Seite Tiefe entsteht. Tiefe die auch dadurch entsteht , dass man Erkenntnis in eigene Worte fassen kann.
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Eine Lösung: Moderierter Impulsdialog statt Keynotes?

Natürlich mag das eine sehr subjektive Wahrnehmung sein. Ich zumindest habe mich schon während meines Slot extrem über mich geärgert, weil ich das Gefühl hatte – zumindest für die Dauer des Vortrags – dem Auditorium einen Teil seiner Lebenszeit gestohlen zu haben. Stattdessen wäre es leicht gewesen, nach kurzen prägnanten Impulsen immer wieder den Raum zur gemeinsamen Diskussion und Reflexion zu öffnen. Das Ergebnis wäre (wahrscheinlich) deutlich mehr Anschlussfähigkeit, mehr Erkenntnisgewinn und damit damit mehr persönlicher Nutzen gewesen – dies nicht zuletzt auch bei mir, denn auch ich lerne aus jeder Kommunikation und jedem (divergenten) Meinungsbild.

Was also kann ich tun?

Impuls-Dialoge sind das für mich derzeit stimmigste Konzept. Kurze Impulse von wenigen Minuten (oder Sätzen), die in wenigen fokussierten Reflexionsfragen münden. Dies mit der sofortige Möglichkeit zur Diskussion, gepaart mit der Option den Impuls, die Fragen und den daraus entstehenden Dialog sacken zu lassen. Damit gibt es insbesondere kein abschließendes Fazit, keine zusammengefasst Kernbotschaft – dies kann nur jeder selbst ziehen.
Doch: Dies fordert sowohl das Auditorium wie auch den Impulsgeber deutlich stärker. Andererseits erzeugt es mehr Anschlussfähigkeit in der Welt des Zuhörers und damit die einzigartige Chance, dass der Impuls tatsächlich anstößt und die Energie erhalten bleibt.

Eins ist noch wichtig!

Mit diesem Format findet der Dialog plötzlich nicht mehr in der optimal geschützten Gedankenwelt des Einzelnen statt. Die Gedanken sind plötzlich nicht mehr frei, sondern dem (manchmal) kritischen Urteil der übrigen Zuhörer ausgesetzt. Damit gewinnt etwas an Bedeutung, das im bekannten Set-up negieren werden konnte: Der „geschützte Raum“ und die vertrauenswürdige Umgebung.
Offenheit für einen ehrlichen und tief gehenden Austausch entsteht oft nur, wenn man sicher ist in einer Gruppe zu sein, die ähnlichen Problemen und Herausforderungen zu kämpfen hat. Denn – seien wir ehrlich: Kein Geschäftsführer wird seine unternehmerischen oder Führungsprobleme in einer Runde ansprechen, die ihm nicht 100% Vertraulichkeit und Diskretion garantiert. Doch – diese Runden sind selten. Dennoch lohnt es sich sie zu gestalten, oder auch „nur“ auf der eigenen Geschäftsführungsebene in den Dialog zu gehen. Denn maximaler Erkenntnisgewinn sollte immer das Ziel spannender Impulse sein.

#NextAct Nachlese – nachlesen!

#NextAct Nachlese – nachlesen!

Das war er also, der #NextAct.
Diese hochkarätig besetzte Veranstaltung, organisiert vom omnipräsenten Winfried Felser, Geschäftsführer der CompetenceSite und Vernetzungsspezialist (mit spätestens jetzt auch > 1.000 Followern auf Twitter – wer noch mag: https://twitter.com/WinfriedFelser). Er hatte eingeladen und gut 100 Vordenker, Vorreiter und Vorgestalter aus Bereichen wir Marketing, HR, Industrie 4.0, Digitalisierung aber auch systemisch übergreifend der „Zukunft der Arbeit“ waren dem Ruf gefolgt und hatten sich im bauwerk Köln zusammengefunden, um sich auf hohem Niveau und möglichst direkt auszutauschen. Das Etablieren eines „360° Kompetenznetzwerks“ aus Innovatoren, Wissenschaft, Verbänden, Medien, Theoretikern und Praktikern war das – absolut erreichte – Ziel. 
Und es war viel Neu und Next beim #NextAct. Neu und Next war für einige sicherlich der im wesentlichen gelungene Versuch eine Konferenz – gestartet wurde mit einem prominent besetzten Expertenpanel, wobei sehr viele der Gäste, wenn gleich nicht alle so bekannt und prominent, ebenso gut ins Panel gepasst hätten – „open spaciger“ zu machen. In diesem Kontext ist auch zu verstehen, dass sich auch in den folgenden Sessions ab und an das klassische Format durchsetzte. Immerhin war dort dann oftmals das Panel in der Session Auslöser für mehr „Passion“. 
Doch bevor hier der Eindruck entsteht, es gäbe viel Kritik zu äußern – dem ist ausdrücklich nicht so – , möchte ich hier lieber ein zwei der vielen großartigen, zum Nachdenken anregenden und damit lehrreichen und inspirierenden Sessions, Gespräche und Diskussionen thematisieren.
Mit sechs parallelen Session in fünf Slots und einem gleichzeitig immer auch gefüllten „Netzwerkbereich“ galt, was bei open space immer gilt: Ich konnte nicht überall sein und mir immer nur, dem „Gesetz der zwei Füße“ folgend das heraussuchen, was mich wirklich angesprochen hat.
Ganz Mensch, bin ich nach der Dichte und Tiefe der Gespräche und nach drei Tagen der Reflexion über das Gesagte heute ohnehin nicht mehr in der Lage einen neutralen Bericht aus der Session zu geben. Wohl aber möchte ich meine alten und neuen Erkenntnisse hier zusammentragen.
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In inspirierender Begleitung meines Kollegen Lukas Michel und mit vielen meiner real und digital Bekannten, wie Lars Hahn, Joachim Haydecker, Jan Westerbarkey, Harald Schirmer, Thomas Sattelberger, Roman Rackwitz, Ursula Vranken, Frank Widmayer, Lutz Becker, Stephanie Borgert, Niels Pfläging, Silke Hermann, Ralf Gräßler, Klaus PohlmannKlaus Janowitz, Roland Panter, Erwin Stickling, Richard Straub, Andreas Zeuch, Heribert Meffert, Anne Schüller und dem später Online zugeschalteten Stephan Grabmeier – um nur eine Auswahl zu nennen – (auf Prof. und Dr.-Titel verzichte ich in diese Liste ganz bewusst) war für mich sofort eines der Grundelemente guter Gespräche und Vernetzung gegeben: Vertrauen und Verbundenheit in der und für die gemeinsame Sache. 
Wie wunderbar der „Open Space“ Grundsatz des gleichberechtigten Austauschs auf Augenhöhe auch hier funktionieren, zeigte sich in den wirklich enorm konstruktiven und multiperspektivischen Diskussionen innerhalb der Sessions. So zum Beispiel in der Runde zu „NextEducation“ und der Frage nach der Ausbildung von Managern oder auch in dem Diskurs zum „Betriebssystem“ von Organisationen.
Das Thema „Edukation“, eigentlich als „pädagogische Einflussnahme auf die Entwicklung und das Verhalten“ definiert, war Thema einer der beiden für mich spannendsten Sessions, ging es doch – u.a. gemeinsam mit Prof. Meffert – um das Thema, wie man Manager und Mitarbeiter dazu anregen kann „auf den Weg zu gehen“ und sich aus den tradierten Strukturen hinauszubewegen.
Herausfordernd – wenngleich nicht neu – war die konkrete Fragestellung des Praktikers Jan Westerbarkey „Wie kann man es denn nun machen?“.
Mein hier in den Raum geworfenes sehr umfassendes Credo: Freie und (ergebnis-)offene Lernräume schaffen, interdisziplinär und organisationsübergreifend vernetzen, coworking, cocreation, colaboration, Lernen durch die Vermittlung von eigenem Wissen und Kompetenz. Fehler zulassen aber minimieren und Neues ausprobieren und aus Irrtümern möglichst viel lernen. Zusammen-Arbeiten um Kompetenz, also Wissen und Erfahrung entstehen zu lassen und zu teilen.
Warum das alles? Warum sollten klassische Fortbildungen nicht auch weiterhin ganz einfach funktionieren?
In der (neuen) Welt geht es weniger darum Wissen zu besitzen, sondern darum zu wissen, wo das aktuellste Wissen verfügbar ist, um dann die Kompetenz, d.h. auch die Erfahrung zu besitzen dieses Wissen im konkreten Fall reflektieren und ggf. anwenden zu können.
Damit geht es im Kern um die Aufgaben, die „Personalmanagement“ und „Human Relationship“ in der ZUKUNFT auf ihre Fahnen schreiben sollten: Vernetzung organisieren, die Vision und Kultur der Organisation nach außen tragen, um so als Magnet für neue interne und externe Netzwerkmitglieder zu agieren. Ein Magnet der neue Teilgeber anzieht, aber zuweilen auch dazu dienen muss zu polarisieren und „nichtkompatible“ abzustoßen.
Wobei auch Ablöseprozesse klug und mit dem Fokus auf die Menschen, sowohl die im Team verbleibenden und die, die Orga verlassenden, gehandhabt werden müssen. Aber das ist ein anderes Thema.

(c) Lutz Becker

(c) Lutz Becker


Wissen ist heute immer und überall meist ganz einfach „da“. Zur Wissensvermittlung reichen Bücher, YouTube, Podcasts und MOOC’s aus. Dazu braucht man keine Frontalveranstaltungen mehr. Die digitale Onlinewelt erlaubt Wissen „von den Besten“ direkt, unmittelbar und ohne Umwege zu erfahren.
Auf der anderen Seite braucht jeder, ob Mitarbeiter, Führungskraft oder Vorstand, für den Aufbau von echter Kompetenz den Raum sich und das neue Wissen auszuprobieren, auf Kompatibilität zu überprüfen, um dann das eine oder das andere anzupassen. Das dabei zuweilen bei den Einzelnen oder in ganzen Organisationen sehr unkonventionelle Kompetenzsets entstehen, sollte heute eher Ziel als Makel sein. Heterogenität bei guter Vernetzung, Kommunikation und viel Vertrauen zeichnet nicht umsonst Hochleistungsteams aus. 
Entsprechend ist es eine der neuen Aufgaben von Führung – und damit wenn die Offenheit besteht in diese Rolle zu gehen, auch von HR nach neuer Bauart, es den Mitarbeiter auf allen Ebenen schmackhaft zu machen, ihre persönliche Komfortzone zu verlassen, um zu erleben, dass die dahinter beginnende „magic zone“, in kleinen Schritten erlebbar gemacht, interessante neue Ein- und Ausblicke liefert und beim persönlichen wie gemeinsamen Wachstum hilft.
Überhaupt ist dieser Wachstumsbegriff – der des gemeinsam und persönlich Wachsens – der, der für Unternehmen in Zukunft weit mehr Bedeutung tragen wird, als das pure und immer mehr begrenzte wirtschaftliche Wachstum. Wie Menschen können „innen“ immer weiter wachsen, was zumeist auch auf unsere Umwelt und unser Umfeld enorm positive Wirkung besitzt. Aus diesen inneren Wachstum entstehen neue Ideen, neue Produkte und mithin neues Geschäft.

Die magic zone als persönlicher Lern-FreiRaum  

NextHR: Zugegeben, ich war nur kurz in der Session zur neuen HR, bevor mich meine Füße wieder dort hinauszogen. Zu sehr stand bis zu diesem Zeitpunkt ein, aus meiner sehr in die Zukunft blickenden Wahrnehmung, tradiertes HR-Bild im Vordergrund. Begrifflichkeiten wie „Personal & Kulturentwickelung“ sind (für mich) nicht nur im Wording, sondern auch in der Haltung nicht mehr zeitgemäß. Für mich „ist“ Kultur, man kann sie fördern, jedoch nicht im Detail gestalten, entwickeln oder machen. Kultur entsteht aus dem Sammelsurium der Ideen, Persönlichkeiten und vor allem der Kommunikation und der gemeinsamen Werte und Prinzipien der Menschen die in einer Organisation zusammenkommen. Hier ist der oben genannte Magnet gefragt, ob sehr verschiedenen, vielfältige und zugleich „passende“ Mitspieler in das Netzwerk zu bringen.
Viel, was mich mit meiner Sicht auf die Relevanz des „Fokus Mensch“ bestärkt, durfte ich auch in und nach der Session zum „Neuen Betriebssystem“ verinnerlichen. Niels Pfläging dröselte hier in bekannter Manier seine Sicht auf drei grundlegende Betriebsysteme in Organisationen auf. Die Orga-struktur und das Geschäftsmodell prägen ohne Frage. Spannend wurde die Diskussion zum dritten Betriebssystem, das aus meiner Sicht in seiner Wirkung deutlich die anderen beiden übertrifft.
Hier stehen aus meiner Sicht alle Zeichen auf „den Menschen“ und die Reduktion altbekannter Regeln auf ein neues „maximal, minimales“ Set an Prinzipien. Es geht also um nichts weniger als einen neuen, klaren und flexiblen „modus collaboranti“.
Maximal minimal (also optimal) in dem Sinn, dass die Prinzipien das Menschenbild und die Grund- und Glaubenssätze der Organisation ausreichen gut beschreiben, und es so um ermöglichen auf dieser Basis die von ihm erwarteten Entscheidungen auch unternehmerisch und im Unternehmenssinn zu treffen. Andererseits sollten sie genug Raum lassen, um sich den zunehmend komplexen Problemstellungen zu stellen und auf diese reagieren zu können. „Prinzipien statt Regeln“ deshalb, weil sie Anpassungsfähigkeit erlauben ohne den Rahmen manchmal eben doch das entscheidende Stück zu eng zu fassen.

Unternehmen brauchen keine Regeln, sondern nur einen klaren Fokus auf den Mensch und einen neuen „modus colaboranti“ 

Dabei ist klar, wie schwierig es ist, dies wirklich gut zu gestalten, denn, wie Lukas Michel das immer wieder so treffend formuliert: „Agilität braucht ein stabiles Fundament“. Dieses stabile Fundament besteht, neben den Prinzipien aus einer sehr bewusst und auf den Menschen als zentralem Element der Organisation ausgerichtete Führung. Ein Führung, die die Störungen im System kennt, reflektiert und weitestgehend eliminiert, damit alle anderen möglichst frei und effektiv agieren können. Eine Führung die moderiert und in Verbundenheit und Vertrauen investiert und damit diese wiederum auch in die Organisation trägt. So gelingt es Führung ein Gesamtsystem zu erzeugen, in dem die Kompetenz für den Umgang mit komplexen Problemen Wertschätzung erhält und das damit, manchmal unkonventionelle, Lösungen möglich macht.
Alles Aspekte die im Kontext „Edukation“ in die oben angesprochene Session 1:1 hineingehört hätten.

Agilität braucht ein stabiles Fundament

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(c) Roland Panter


So war er, der Teil von NextAct, der mich am intensivsten berührt hat. Ein sehr realer und physischer Teil der Digitalen Evolution die auch bei uns endlich in Gang zu kommen verspricht. Er war ein wichtiger (Meilen)Stein bei der Vernetzung der Treiber, Vordenker, Kommunikatoren und Macher. Winfried Felser gebührt mein Dank dafür, dass ich Teil dieses Events sein durfte. 
 
Ich war nicht der einzige, der seine Perspektive auf den NextAct in digitales Papier gefasst hat. weitere Beiträge finden sich hier:
Jan C. Weilbacher: http://arbeitsgesellschaft.com/2016/02/21/aufbruchsstimmung-im-kleinen/
Lars Hahn : https://storify.com/DerLarsHahn/next-act-vernetzung
Oliver Marquardt: http://www.marquardt-strategie.de/blog/zukunft-von-marketing/
Harald Schirmer: http://www.harald-schirmer.de/2016/02/24/nextact-wenn-sich-theorie-mit-praxis-vernetzt/
Winfried Felser: https://www.linkedin.com/pulse/ist-deutschland-zukunftsfähig-wenn-mittelstand-und-meffert-felser
Ursula Vranken: http://digitalpeoplemanagement.de/next-act-2016-fuenf-fragen-an-ursula-vranken/
 
Die Broschüre zum Event gibts es hier: http://www.competence-site.de/nextact-die-broschuere-zum-event-fuer-die-gemeinsame-transformation/

7 Megatrends, die die Zukunft unserer Arbeit (mit)bestimmen

7 Megatrends, die die Zukunft unserer Arbeit (mit)bestimmen

Ein Blick in die Zukunft der Arbeit wäre unvollständig, ohne den erwarteten Megatrends Raum zu geben. In den Interviews tauchen immer wieder dieselben Schlüsselbegriffe auf: Digitalisierung, Eigenverantwortung, Menschlichkeit, Flexibilität, Netzwerke & Vernetzung und Selbstbestimmung. Kein Wunder, denn, das zeigen auch die folgenden Megatrends, dies sind die Themen, die uns hier und heute bewegen.
In vielen Lebensbereichen entwickelt sich unser technologisches und strukturelles Umfeld schneller als wir selbst. Große Entwicklungsschritte und Detailverbesserungen von Technologien, wie die Industrialisierung oder die Entwicklung des Autos, zogen sich früher über Generationen hin. Heute vollziehen sie sich mit Hilfe von neuer, digitaler Technologie und einem anderen Verständnis von Zusammenarbeit innerhalb weniger Jahre. Während bei großen Herstellern die Entwicklung eines Fahrzeugs mindestens drei Jahre dauert, hat „Local Motors“ ein Auto mit Hilfe von 25.000 Unterstützern und 50 Mitarbeitern in 18 Monaten entwickelt und gebaut.

„Die meisten Jobs, die wir heute kennen wird es in 10 Jahren nicht mehr geben.“ Prof. Dr. Lutz Becker

Computer und das Internet sind „erst“ vor 20 Jahren in unserer Lebenswelt angekommen. Die darauf aufsetzenden Innovationen haben in dieser kurzen Zeit unser Leben schon fast vollständig umgekrempelt. Smartphones, Tablets, das mobile Internet und soziale Medien gab es vor 10 Jahren (so gut wie) nicht. Heute sind sie weltweite Standards. Neue Technologien durchdringen den Weltmarkt in deutlich weniger als einer Generation. Beispiel Facebook: So wie wir es kennen, besteht das Unternehmen seit dem Frühjahr 2004. Im Frühjahr 2015, nur 11 Jahre später, hatte es weltweit 1,44 Milliarden aktive Nutzer. Damit nutzt fast jeder fünfte Mensch auf unserem Planeten einen Online Dienst, der erst in den letzten 10 Jahren entstanden ist und der heute globale Kommunikation ermöglicht und mittels intelligenter Algorithmen sogar die persönlichen Konsumvorlieben von uns kennt.
Doch auch ganz andere Megatrends sorgen für kontinuierlichen Wandel. Einige davon wirken sich direkt oder indirekt auf unsere „Zukunft der Arbeit“ aus.

Individualisierung

Bei vielen, besonders in den „neuen“ Generationen, wächst der Wunsch nach einer individualisierten Lebensplanung und -gestaltung. Individuelle Produkte sind immer mehr gefordert. Auch die Beziehungsstrukturen und -geflechte verändern sich. War früher der „Einernährer“ Haushalt die Regel, wird heute – teils aus wirtschaftlichen Gründen – der Wunsch nach Berufstätigkeit und der persönlichen Karriere bei beiden Partnern immer lauter.

Konnektivität und Mobilität

Wir sind heute – wenn wir dies wollen – immer und überall miteinander verbunden, zumindest bei Nutzung des mobilen Internets per WLAN, UMTS, LTE oder auch über Satellitentelefone. Sogar die International-Space-Station (ISS) hat eine funktionierende Internetverbindung und ist der höchstgelegene WLAN Hotspot der Erde.
Gleichzeitig eröffnen sich den Computerarbeitern unter uns neue Optionen, um Arbeitsort und Arbeitszeit freier zu wählen und zu gestalten. Als Gegenbewegung dieser neuen Dauerbelastung gewinnen Achtsamkeit und erhaltene Aufmerksamkeit für viele an Bedeutung.

Urbanisierung

Immer mehr Menschen zieht es in die Städte. Weltweit entstehen zunehmend Megacities mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. In den Städten entstehen gleichzeitig neue Wohn-, Lebens und Partizipationsräume. Mit ihnen entwickeln sich neue Geschäftsmodelle und neuer Arbeitsraum und damit Investitionsbedarf in Infrastruktur, dem kaum schnell genug nachgekommen werden kann.

Gesundheit

Wir werden immer älter. Lag die Lebenserwartung vor 35 Jahren noch bei 71,7 Jahren bei Männern und 78 Jahren bei Frauen, so werden heute geborene Kinder statistisch 6 bzw. 4,8 Jahre älter.
Psychische Erkrankungen haben in den letzten Jahren zugenommen. Über die eigenen Grenzen hinaus zu arbeiten galt lange als Karrierebooster und chic und wir haben dafür Burn-Out und Bore-out „gerne“ in Kauf genommen.

Bildung & neues Lernen

Staatlich organisierte Bildung fokussiert bis heute darauf, uns bestehendes Wissen zu vermitteln. Dieses Wissen nimmt in atemberaubendem Tempo zu. Wissen ist heute keine feste Größe mehr, sondern dynamisch und veränderlich.
Die Bildungslandschaft verändert sich zurzeit erdrutschartig. Wer sich
(weiter-)bilden will, kann neben den zahlreichen staatlichen und privaten Hochschulen zunehmend Onlineangebote nutzen. Fast alle Universitäten lassen uns inzwischen per Videokanal an den Vorlesungsreihen teilnehmen.

Diversität 

Heterogenität in Kombination mit Toleranz, Offenheit und Respekt sind wichtige Erfolgsfaktoren, nicht nur für Hochleistungsteams. Zum Beispiel nimmt die „Silver Society“ heute schon, sehr viel selbstverständlicher als etwa vor 10 Jahren, aktiv am Leben in der Gesellschaft und der Arbeit teil.

Wertewandel

Mit Diversität tauchen auch kulturelle Werte in der Liste der Megatrends auf. Den Wertewandel als wichtiges Thema hat die Deutsche Gesellschaft für Personalführung (DGFP) auf ihrer Übersicht der sozialen Megatrends verortet. Die „Wertekommission“ betrachtet diese Entwicklung schon länger und sieht Vertrauen, Verantwortung und Integrität stark im Kommen. Werte, die zwischenmenschliche Verbundenheit verbessern, vertiefen und damit fast nebenbei intrinsische Motivation und Zufriedenheit steigern.

„Passion ist einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren.“ Raymond Hofmann

Arbeiten 4.0
Mit all diesen Einflussfaktoren verändert sich unsere Arbeit deutlich. Die Schlagworte „arbeiten 4.0“ oder „new work“ werden gerne als synonym für diese beginnende Veränderung von Arbeits- & Organisationsstrukturen und -prinzipien benutzt.
Die Trends Digitalisierung, Dynamisierung, Flexibilisierung und Individualisierung haben eine Nebenwirkung, die manche als toxisch, andere als heilsam ansehen: Sie machen ein Neudenken von Organisations- und Führungskonzepten erforderlich, um menschliche Kompetenz und technische Fähigkeiten optimal zu kombinieren.

These

Die Trends beginnen gerade erst, unser (Arbeits-)Leben schnell und vollständig fast vollständig umzukrempeln.

Fragen zur Selbstreflexion 

  • Wie sind wir in unserer Arbeitsorganisation auf die Veränderungen unserer Märkte z.B. durch Individualisierung vorbereitet?
  • Welche Arbeitsbereiche werden sich bei uns am stärksten verändern?
  • Welche dieser Entwicklungen werden Sie persönlich in Ihrem Leben und Ihrer Arbeitssituation ganz direkt und nachhaltig beeinflussen?

 
Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „ArbeitsVisionen2025„. In diesem Buch beschreiben 50 Interviewpartner, darunter Wissenschaftler, Geschäftsführer, Angestellte und Selbstständige, ihre persönlichen Perspektiven auf die Arbeit im Jahr 2025.
25 begleitende Texte mit Impulsen, Hintergründen und über 200 Fragen zur Selbstreflexion erlauben den Einstieg in eine spannende Diskussion zur Entwicklung dessen, was wir in Zukunft unter Arbeit verstehen werde.

Mehr Informationen auf http://www.arbeitsvisionen2025.de
Guido Bosbach, 14.01.2015
http://blog.bosbach.mobi
Mentoring – Organisationsdiagnose & -entwicklung – Innovation
 
Quellen (Auswahl)

 
Bildnachweis: Pixabay.com

Change ohne Netzwerke ist wie Amundsen ohne Pol

Change ohne Netzwerke ist wie Amundsen ohne Pol

Er wollte für die Welt einen Pol entdecken. Als Roald Amundsen vor gut 105 Jahren, am 9. August 1910, in Richtung Nordpol in See stach, wusste wohl außer ihm niemand, dass die Reise ein ganz anders Ziel hatte. Er führte ein Geheimnis mit sich, dass er, aufgrund der Netzwerke in denen er verhaftet war, erst lüften konnte als es für ein Eingreifen zu spät war.

Die Rolle des Change Agents

Zu Beginn von Change Prozessen, sei es ein neuer Prozess,  eine Reorganisation oder die Einführung neuer Software, werden die immer vorhanden Netzwerkstrukturen selten analysiert um zu evaluieren, wie man diese optimal und aktiv für den Erfolg des Wandels einsetzen kann. Jedoch spielen die formalen, aber vor allem auch die informellen Strukturen eine herausragende Rolle für den Erfolg der Maßnahmen.
Eine gemeinsame Studie der University of Toronto, Insead und der Harvard Business School zu  Netzwerktopologien hat am Beispiel von 68 Change Projekten beim altehrwürdigen britischen National Health Service (NHS) untersucht, wie Netzwerktopologien auf Unternehmenskooperationen und Veränderungsprozesse wirken und welche Relevanz die sorgfältige Wahl von Change Agents auf den Erfolg hat (1).
Netzwerke: „Kohäsiv“ oder „Brücken“
AAEAAQAAAAAAAAPdAAAAJGNmYjE5MTJkLTVmODgtNDBhNC05ZGRkLTMwMGQ0OGU5NWYyZAIn diesem Kontext ist es wichtig zunächst zwei wesentliche, meist vor allem informelle   Netzwerkstrukturen zu betrachten. Da sind zum einen die „kohäsiven“, enge Verbundenheit aufzeigenden „jeder-kennt-jeden“ Netze. In diesen Systemen herrscht ein großer Zusammenhalt im Team und damit ein hohes Maß an Vertrauen und Unterstützung auch in turbulenten Zeiten. Ideen aus Gruppen dieser Art entstehen langsam und sorgfältig – sie sind durchdacht und fundiert. Andererseits bilden diese Netzwerke kaum den Nährboden für radikale und echt innovative Ideen.
Auf der anderen Seite stehen die „Brückennetze“. Die Teilnehmer oder Gruppen in den Netzwerken kennen einander kaum, sind sich zum Teil nie begegnet oder haben zumindest kaum Berührungspunkte. Diese Konstellation kennt man aus virtuellen Projektteams, die aus Mitgliedern und Teams verschiedener Arbeitsbereiche zusammengewürfelt wurden. Der Aufbau und Austausch in diesen Strukturen fördert zwar neue, innovative und radikale Ideen – neues Wissen wird gewonnen und in der Struktur verbreitet. Allerdings braucht es, aufgrund der fehlende Nähe der Mitwirkenden, einen Brückenbauer, der die Formation zusammenhält und die Informationen, manchmal gezielt und gefiltert, verteilt.
Dazu kommt eine weitere Standardkomponente jeden Wandels, die, zumeist auch mit einer eigenen Netzwerkstruktur ausgestattete formale Hierarchie der Organisation.

Radikal oder sanft: Change ist nicht gleich Change

Wie heftig wird die geplante Veränderung die Menschen betreffen? Sind sie aufgeschlossen, sehnen sie sich die Veränderungen herbei? Ist Kotters „sense of urgency“ schon bei und von allen spürbar?(2) Stoßen die Pläne auf Ablehnung? Ist das Management vollständig eingeweiht, oder gibt es mächtige Gegenspieler, die den Prozess beeinflussen könnten? Darf man das Ziel ankündigen, oder muss man, wie einst Roald Amundsen erst auf dem Weg die Änderung der Zielsetzung bekanntgeben, um sein Ziel unbeeinflusst von außen verfolgen zu können?
Die Fragen führen zur zweiten Perspektive in dieser Betrachtung: Um welchen Change Typus geht es? Auch hier müssen im Wesentlichen zwei Typen differenziert werden: Beabsichtigt man einen Weg zu gehen, der wesentlich auf bestehende Normen und Handlungsweisen aufsetzt, so wird man aus dem Zusammenhalt eines Netzwerks große Vorteile ziehen können. Idealerweise nutzt man die Vertrautheit im Team, indem man die Entwicklung durch einen Change Agent aus dem Netzwerk als erstem Ansprechpartner und Entwicklungsplaner unterstützt. Er kennt die Befindlichkeiten, Strukturen, Prozesse und Multiplikatoren am besten und kann sich so gezielt für diesen konvergenten Wandel einsetzen.

Die Aufgaben eines Change Agents

Plant man einen radikalen Wandel, eine Innovation, die – zumindest in Teilen – zur Abkehr von vertrauten Rollenverteilungen und Prozessen führt, so gilt es die Rolle des Change Agents anders zu besetzen. Der Change Agent sollte im Netz eine Brücken bilden. Er sollte die Kommunikationsfäden in der Hand halten und steuern. Je nach Radikalität der Veränderung kann man bewusst auf einen neuen oder temporärer Player zurückgreifen, um diese Brückenposition zu ermöglichen.
Besonders schwierig ist es in diesem Fall die Aspekte Transparenz, Mitbestimmungsmöglichkeit und offene Kommunikation mit dieser etwas prekären Aufgabe zu verbinden.
Denn: Wie Roald Amundsen muss man den unmittelbar Beteiligten frei stellen, ob sie den Weg mitgehen wollen und man muss Ihnen gleichzeitig die Möglichkeit bieten sich individuell einzubringen und zu allen Belangen Gehör zu finden. Nur so kann man die Potentiale der gesamten Mannschaft nutzen um den Südpol zu erreichen – ein Unterfangen, dass andernfalls tödlich hätte enden können.

Wie bringt man Change und Netzstruktur zusammen?

Im Normalfall stehen zu Beginn eines anstehenden Change Prozesses sowohl dessen Typus als auch die Netzwerkstrukturen fest. Einzig die Auswahl und Rollendefinition des Change Agents lässt Raum für Gestaltung.

  • Im ersten Schritt muss geklärt werden, wie die geplante Entwicklung bei den Beteiligten wahrgenommen wird. Eine Kursänderung nach Süden kann von den Betroffenen deutlich unterschiedlich empfunden werden.
  • Im zweiten Schritt sollte das Netzwerk evaluiert werden. Handelt es sich um ein Brückennetz oder sind die Beteiligten, bzw. Teams und Gruppen, eng vernetzt und im ständigen Austausch?
  • Der dritte Schritt erlaubt den größten Einfluss auf den Gesamtprozess. Die Auswahl eines geeigneten Change Agent, also der Person, die in der Change-Organisation als Hauptansprechpartner und Kommunikator agiert. Eine bewusste Wahl birgt die Chance, den weiteren Verlauf abgestimmt auf den Change Typus und die Netzwerktypen zu gestalten.

Passt das Netz zum Typus der geplanten Veränderung, d.h. herrscht für eine radikale Veränderung ein Brückennetzwerk vor, bzw. ein kohäsives Netz für eine Entwicklung die eher eine evolutionäre Veränderung beinhaltet, so sind Change Agents die aus der Organisation stammen sicherlich die geeignetste Wahl. Sie sollten, sofern ihnen die konkrete Erfahrung in dieser Rolle fehlt, durch einen Coach oder Mentor unterstützt werden. Im Fall eines radikalen Wandels in einem kohäsiven „jeder-kennt-jeden“ Netz sollte der Change Agent extern besetzt werden. Dies erleichtert den Beteiligten sich auf diese fundamental neuen Ideen einzulassen. Der Aufbau des Netzwerks um den Change Agent herum kann dann gezielt gesteuert werden.

Transparenz und Einflussnahme

Jede Kommunikation an die Beteiligten, unabhängig ob es sich um es Individuen oder Teams handelt, sollte in Vorfeld sorgfältig geplant werden. Die Teams müssen so weit wie möglich aktiv in den Prozess eingebunden werden. Transparenz, Offenheit, Möglichkeit der Einflussnahme sind essenziell für das Gelingen des Change Prozesses.
Roald Amundsen hatte Glück. Das Team mit dem er seine Expedition durchführte war nach einer gemeinsamen Überwinterung in höchstem Maß untereinander vernetzt und das neue Ziel wurde vermutlich nur als geringe Abweichung wahrgenommen. Die geplante Reise zum Nordpol gipfelte schließlich, mit dem Erreichen des Südpols am 14. Dezember 1911, in einem großen, wenn auch für seinen Konkurrenten Sir Robert Falcon Scott tragischen, Erfolg. Aber das ist eine andere Geschichte.
 
Guido Bosbach, 14.01.2015
http://blog.bosbach.mobi
Mentoring – Organisationsgestaltung – Bestandsanalyse – Innovation
Quellen:

  1. HBM Sept 2013, http://www.harvardbusinessmanager.de/heft/d-107034119.html
  2. Kotter, John P.: „a sense of urengcy“
    Harvard Business Press; 1 edition (August 5, 2008)
    http://www.amazon.com/Sense-Urgency-John-P-Kotter/dp/1422179710/ref=tmm_hrd_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=&sr=

 
Titelbild: pixabay.com | Grafiken: Guido Bosbach
 
Dieser Beitrag ist die aktualisierte Fassung meines am 4. September 2013 auf unternehmer.de erschienen Artikels.